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So, nun will ich mich mal wieder zurückmelden im Fanfic-Bereich. Meine letzten Aktualisierungen liegen shcon eine Weile zurück, deswegen will ich gleich eine Ankündigung machen: The Real Pokémon und all die unbeendeten Geschichten werden fortgesetzt, aber das braucht noch ein bisschen Zeit. Ich befinde mich gerade noch in einer Regenerierungsphase und bin sehr ideenlos. Aber ich hoffe, zu Beginn des nächsten Monats mit neuen Kapiteln aufwarten zu können.
Aber nun erstmal will ich etwas anderes, was ich schon lange bei mir liegen habe, zum betsen bringen. Eine Sci-Fi-Geschichte aus meinen frühen Zeiten. Diese Story habe ungefähr mit 12 oder 13 Jahren geschrieben und es war erst meine zweite längere Geschichte. Also bitte nicht zu streng urteilen.
Kapitel 1: Einer dieser Tage
So, nun will ich mich mal wieder zurückmelden im Fanfic-Bereich. Meine letzten Aktualisierungen liegen shcon eine Weile zurück, deswegen will ich gleich eine Ankündigung machen: The Real Pokémon und all die unbeendeten Geschichten werden fortgesetzt, aber das braucht noch ein bisschen Zeit. Ich befinde mich gerade noch in einer Regenerierungsphase und bin sehr ideenlos. Aber ich hoffe, zu Beginn des nächsten Monats mit neuen Kapiteln aufwarten zu können.
Aber nun erstmal will ich etwas anderes, was ich schon lange bei mir liegen habe, zum betsen bringen. Eine Sci-Fi-Geschichte aus meinen frühen Zeiten. Diese Story habe ungefähr mit 12 oder 13 Jahren geschrieben und es war erst meine zweite längere Geschichte. Also bitte nicht zu streng urteilen.
Kapitel 1: Einer dieser Tage
Das würde mal wieder einer dieser Tage werden, die sich so anfühlten als würden sie niemals enden. Das wusste ich schon als ich aufwachte. Die Durchsage der Obrigkeit kam durch den Lautsprecher neben mir und weckte mich unsanft aus meinem tiefen Schlaf. Jeden Tag kam diese Durchsage mit derselben Lautstärke aus dem Lautsprecher.
Wie an jedem anderen Morgen auch hörte ich diesen monotonen Satz, der fortlaufend wiederholt wurde, und das eine Viertelstunde lang. Es klang kaum noch wie die Worte eines Mensches, viel eher wie die metallenen Laute einer Maschine. „Jeder Morgen ist ein guter Morgen.“ rief sie mir durch den Lautsprecher zu. Ich fragte mich an jedem Morgen wieder, was an ihm so gut sein sollte. Ich kam zu dem Entschluss, dass sie mich anlogen. Ein Morgen konnte nicht gut sein, so viel war klar.
Das erste was ich tat als ich aufwachte, war natürlich die Augen öffnen, aber danach streckte ich meine Hand aus und taste müde nach einer Zigarette. Als ich sie dann endlich gefunden hatte zündete ich sie an und nahm einen tiefen Zug. Das erste was meine Lunge am Morgen bekam, war also nicht der Duft des noch jungen Tages, sondern die harte Realität einer Zigarette. Der Rauch füllt meine Lungen und mit einem müden Seufzer entließ ich den blauen Dunst. Danach stehe ich von meiner blauen Pritsche mit den aufgenähten weißen Punkten auf und strecke mich. An so einem guten Morgen wird jede Bewegung zur Qual. Am liebsten würde ich den ganzen Tag in dem ungemütlichen Bett liegen bleiben, eine Zigarette nach der anderen rauchen und dabei zusehen, wie ich langsam sterben würde. Aber leider musste ich zur Arbeit.
Ich senkte meine Arme wieder aus ihrer gestreckten Position und sehe mir die spärliche Bettwäsche an. Die Matratze die auf dem Boden liegt ist ungefähr so gemütlich wie ein Stein und die Decke ist nicht mal so lang, dass sie meine Füße bedeckt. Doch das war die Standardausrüstung für einen Arbeiter mit meinem niedrigen Dienstgrad, deswegen konnte ich mich nicht beschweren.
Langsam löse ich mich von dem jämmerlichen Anblick meiner Schlafstätte und mache mich daran meine Sachen überzuziehen. Ich muss sie an jedem Abend vor dem schlafen gehen waschen, damit ich sie am nächsten Tag wieder anziehen kann. Für mehr als die paar Sachen reichte das Geld leider nicht. Wenigstens ist es nachts nicht so warm, wenn ich ohne Kleidung schlafe. Ich ziehe meine dunkle Jeans an und schließe den Reißverschluss, dann streife ich mein weißes T-Shirt über und zum Schluss ziehe ich meine schwarze Jacke an. Diese Jacke mit dem kleinen Loch am Rücken und der großen Kapuze besitze ich nun schon seit 20 Jahren. Ich erinnere mich noch ganz genau, wie mein Vater mir diese Jacke an meinem Geburtstag geschenkt hatte. Sie war sein Ein und Alles und dass er sie mir schenkte, war das größte Glück in meinem leidigen Leben. Einen Tag später wurde er von den Anderen getötet, einfach ausgelöscht. Deswegen bin ich auch hier gelandet, ich wollte als Kind eigentlich einen Job in der Obrigkeit und jetzt sitze ich auf diesem Posten fest, keinen Anreiz weiter zu machen. Ich habe mich damit abgefunden, dass man dem einfachen Mann nicht helfen kann, weil er keine Hilfe will. All diese kindlichen Vorsätze sind verschwunden und haben ganz langsam Platz gemacht für die Wahrheit. Es ist eine harte Wahrheit, aber ich muss mich damit abfinden. So lebe ich jeden Tag, ohne das Verlangen nach Gerechtigkeit, dass man bei meinem Job eigentlich haben sollte.
Nachdem ich einen letzten Blick auf die Unordnung in meinem Bett geworfen hatte, steckte ich mir die Zigarettenschachtel in die Brusttasche meiner Jacke und öffne die rostige Eisentür. In dem weißen Korridor scheinen die grellen Neonlampen und bringen meine Augen fast zum Tränen. Genau wie bei den Lautsprecher konnte man die Intensität der Lampen nicht ändern, sodass ich jeden Morgen in diese grelle und sterile Welt eintrat und mich jedes Mal wie ein Fremder fühlte. Der Korridor war das vollkommene Gegenteil zu meinem kleinen Raum. Aber ich dachte mir, dass es vielen so ging, denn die Zimmer links und rechts von meinem sahen alle identisch aus. Gleichheit um die Gerechtigkeit zu wahren, hieß es von der Obrigkeit immer.
Ich setzte einen Fuß aus der Tür und bleibe vor der kleinen weiß schimmernden Bank die meinem Raum gegenüber liegt stehen. Der Mann der auf der Bank sitzt muss leicht lachen und während er lacht sagt er: „Du siehst müde aus, Jack.“ Jetzt, da sich meine Augen an das grelle Licht gewöhnt haben, erkenne ich den Mann besser, es ist Vargo, er ist sozusagen mein Freund. Eigentlich habe ich keine Lust und keine Zeit für Freunde, aber Vargo ist jeden Tag wieder da und bedrängt mich mit seiner Anwesenheit, also sollte ich ihn meinen Freund nennen. „Bist du bereit für das morgendliche Treffen?“ fragt er mich und ich nicke nur leicht. Ich weiß ganz genau, dass ich ihn jeden Morgen anlüge, wenn ich notgedrungen nicke, aber ich belüge sogar mich selbst. Vargo richtete sich zu seiner vollen Größe auf - selbst dann war er noch einen Kopf kleiner als ich - und lächelt mir ins Gesicht. Ich frage mich, wie er jeden Morgen so gut gelaunt sein kann. Er richtete seine braune Krawatte und schreitet voran den Gang entlang und ich folge ihm schweren Schrittes. Wir gehen eine breite weiße Treppe herunter, direkt in die Menschenmenge der wartenden Leute. Sie warten darauf, dass sich das Tor vor ihnen öffnet und sie in das kleine Theater gehen können, in dem der morgendliche Bericht und die Arbeitsverteilung stattfinden, wer da zu spät kommt, bekommt nur noch die miesen Arbeiten. Ich bin einmal zu spät gekommen, danach nie wieder.
Vargo tippt mir ungeduldig auf die Schulter, bis ich mich endlich zu ihm umdrehe und frage was er hat. Er deutete auf ein Fenster vor dem einer der Obrigkeit mit einer neuen Angestellten stand, er wies sie gerade ein. Ich wunderte mich über sie, weil sie noch sehr jung war, höchstens 22. Normalerweise stellte die Obrigkeit nur Leute ein die Erfahrung hatte, aber dann fiel mir wieder ein, dass sie auch häufig welche einstellte die das nötige Kleingeld mitbrachten. Meistens verstanden diese Leute, die uns dann sponserten, unsere Arbeit als einen kleinen Urlaub oder als Abenteuer. Ich musste schon mal mit so einem reichen Mistkerl zusammenarbeiten, bis ich ihm bei einem Unfall den Arm brach. Das war dann das Ende seines munteren Ausflugs. Vargo, der nun neben mir stand, flüsterte mir ins Ohr: „Hoffentlich kann ich mit ihr zusammenarbeiten, ich könnte ich ein paar Handgriffe zeigen die sie sonst nicht lernen würde.“ Ich ignorierte seine Anspielung und sah den beiden weiter zu. So wie sie sich gab, wirkte sie keinesfalls wie ein so genannter ‚Arbeitstourist’, sie hatte denselben Ausdruck in ihren Augen wie ich, als ich hier anfing. Sie wollte wirklich hier arbeiten, mit Leib und Seele, auch wenn sie beides dafür verschenken musste. Vargo bemerkte nur eins, er sagte: „Sie ist wirklich attraktiv.“ Dabei nahm er seine dicke Brille ab und machte sie an seinem blauen Pullover sauber. Obwohl ich seine weiteren Anspielungen, die danach noch folgten, ziemlich abstoßend fand, konnte ich mich nicht dem Eindruck erwehren, dass sie äußerst gut aussah. Ihre schwarzen Haare, die ihre nicht ganz bis zu den Schultern gingen, schimmerten in dem aufkommenden Licht der Sonne leicht gräulich und ihr junges reines Gesicht zeugte davon, dass sie in ihrem Leben noch nicht viel Schmerz erlitten haben musste. Die Massen drängen mich nun allmählich in das nun geöffnete Theater, aber ich kann noch einen letzten Blick von ihrem Gesicht erhaschen. Sie dreht sich zusammen mit dem Mann der Obrigkeit zu dem Theater herum und blickt direkt mit ihren blauen Augen in meine braunen, von Verbitterung gepeinigten Augen, dann verschwinde ich gänzlich im Theater und verliere sie aus den Augen. Ich wusste nicht, wie sie reagiert hatte auf diese dunklen Augen, die sie aus einem grauen Brei von Menschen ansahen, dazu reichte der Augenblick nicht lang genug.
Langsam verbanne ich die Frau in die hinterste Ecke meines Kopfes und setzte mich auf einen der vielen braunen Sitze. Früher, als ich hier mit 16 Jahren anfing zu arbeiten, waren die Sitze gerade neu bespannt worden und damals schimmerten sie noch rötlich. Als mir das Wort ‚damals’ in den Sinn kam, fühlte ich mich auf einmal so alt, trotz meiner 30 Jahre. Aber da kam mir auch wieder der Gedanke an den Satz von Vargo: „Man fühlt sich morgens immer alt.“ Das war eine der Moment, in denen ich ihm zustimmen konnte, aber das kam nicht oft vor. Wir beide waren einfach viel zu verschieden um wirklich einmal dieselbe Meinung zu haben, deswegen arbeitete ich auch nie mit ihm zusammen. Mein Partner bei der Arbeit saß nun neben mir in dem Theater. Er wurde von allen immer nur J.O. genannt, seinen richtigen Namen wollte ich auch nie erfahren. J.O. war eine rundliche und glückliche Person, aus seiner Sicht waren die anderen Menschen mager und er war genau richtig. Aber nicht nur Fett hatte er viel, er besaß auch ein sehr großes Selbstbewusstsein. Er sagte immer, dass er an seinem ganzen Körper kein einziges Haar besaß und ich erinnere mich noch daran wie er einmal sagte, dass er seit seiner Geburt schon ohne ein einziges Haar lebt.
Wie in einem Zeitraffer erleuchtet sich das Theater nur ganz langsam bis schließlich der ganze Raum erhellt ist und ich wieder mit den Lichtverhältnissen kämpfen muss. Das belustigt J.O. jeden Morgen und er lacht jedes Mal laut los, sodass sich die anderen Menschen zu ihm umdrehten, um zu sehen woher das belästigend laute Gelächter kam. Doch dann herrschte vollkommene Stille, kein Geraune von den vorderen Sitzen, kein lärmendes Lachen von J.O, einfach nur Stille. Die Lichter unterhalb der großen Bühne fingen an zu leuchten und ein älterer Mann mit einem schweren Umhang trat hervor. Er hob seine Hände als wolle er, dass es noch ruhiger im Theater wurde und begann zu sprechen. Seine Stimme war laut und durchdringend und sie erfüllte den gesamten Raum. „Wir beginnen nun mit der Arbeitsverteilung, aber vorher möchte unser Rechtsbeamter ein paar Worte sagen!“ Der ältere Mann trat wieder zurück und ein magerer Mann in den Vierzigern trat aus der dunklen Ecke der Bühne hervor um zur Menge zu sprechen. Er trug einen dunkelblauen Anzug und eine dicke Sonnenbrille auf der Nase. Ich kannte ihn eigentlich ganz gut, wir hatten oft miteinander zu tun, wenn der Obrigkeit nicht gefiel wie ich arbeitete. Sein Name war Harry Roots und soweit er es mir erzählt hatte, besaß er keine Familie. Er hob ebenfalls seine Arme um zu sprechen und sagte mit einer wesentlich ruhigeren Stimme: „Vor ein paar Tagen ist uns zu Ohren gekommen, dass wir Spione in unseren Reihen haben, darum muss jeder Vorgang genau beschrieben werden. Wir wollen ganz genau wissen wann ihr was tut.“
„Wollen Sie auch wissen, wann wir auf Klo gehen!“ platzte es aus mir heraus. Eigentlich wollte ich mich ruhig verhalten, aber diese übertriebene, fast schon ängstliche, Vorsichtig ging mir zu weit. Der Mann von der Obrigkeit und Harry Roots warfen mir einen bösen Blick zu, dann fuhr er unbeeindruckt fort. „Natürlich wollen wir nur die für die Arbeit relevanten Dinge wissen. Außerdem haben wir bereits eine Person entlassen und seine Stelle sofort neu besetzt, aber laut unseren Informationen gibt es noch wesentlich mehr Spione.“ Er schloss seinen Satz ab und blickte jeden im Theater mit vorwurfsvollen Augen an. „Das war dann auch alles, Sie werden jetzt Ihre Arbeiten zugeteilt bekommen.“ Nun trat Harry Roots zurück und verließ die Bühne. Ich dachte mir schon, dass er heute bestimmt wieder zu mir kommen würde. Wenn es Probleme gab, kam er immer als erstes zu mir. Der Mann der Obrigkeit machte sich nun daran die Arbeiten unter die wartende Menge zu bringen, indem er immer wieder die Nummer aufrief bis schließlich jemand den Auftrag annahm.
Mit meinem Kinn auf die Hand gestützt saß ich in dem großen Essraum des Hauses, außer mir waren schon alle gegangen um zu arbeiten. Ich saß da, vollkommen verlassen auf der weißen Bank und steckte mir müde irgendein synthetisches Essen in den Mund, ich glaube es sollte ein Brot sein. Meistens schmeckte das Essen eh nur wie Pappe, aber manchmal roch es wenigstens wie Essen. Langsam kaute ich das Stück und schluckte es herunter, da kam J.O. in den Essraum. J.O. setzte sich vor mir auf die Bank und blickte sich in dem leeren Raum um. „Die sind schon alle arbeiten, nehmen sich keine Zeit das Essen zu genießen.“ sagte ich ironisch.
„Wir sollten auch schon längst bei der Arbeit sein.“ entgegnet J.O. ernst.
„Ja, ich weiß, aber ich bin noch zu müde. Wir können in einer Stunde anfangen, dann bin ich mit dem pappigen Essen fertig.“
„Du hast wirklich eine miese Einstellung, deswegen habe ich auch beantragt einen neuen Posten zu bekommen.“
Er sah mir nicht mal in die Augen, als er mich so hinterging. Wahrscheinlich hatte er das schon seit Wochen geplant und mir kein Wort gesagt. Wäre ich nicht zu müde gewesen, hätte ich ihn gleich quer durch den Essraum geworfen. Wir arbeiteten schon seit mehr als zwei Monaten zusammen, so lange war noch niemand geblieben. Und jetzt wollte er wegen so einer Kleinigkeit aufhören.
„Und wo willst du jetzt arbeiten?“ fragte ich ihn noch ruhig.
„Bei Jerry Edison ist der Posten des Aufsehers frei geworden, nachdem sein vorheriger Aufseher gefeuert wurde. Du weiß schon, wegen der Sache mit den Spionen.“
„Ja, ich verstehe schon. Weil der Aufseher von Jerry Edison - dem größten Idioten in der Firma - ein Spion war, hast du endlich deine Chance bekommen abzuhauen.“ sagte ich und versuchte immer noch meine Wut zu unterdrücken.
Nun hob J.O. seinen Kopf und sah mir ins Gesicht, endlich stellte er sich mir.
„Das hat sich kurzfristig ergeben, er hat bei mir angefragt, da konnte ich doch nicht nein sagen. Er darf Fälle des Grades E bearbeiten, du hättest die Chance doch auch wahrgenommen, wenn du sie bekommen hättest.“
„Nein, das hätte ich nicht, weil ich meinen Partner nicht verrate.“
Wäre J.O. jetzt nicht aufgestanden, hätte ich mich vielleicht nicht mehr beherrschen können, aber er tat das einzig richtige und ging. Ich sah ihm noch hinterher bis sich die Flügeltür des Essraums schloss, dann widmete ich mich wieder meinem pappigen Essen. Das Essen widerte mich an, es triefte, es stank und mir war der Appetit vergangen. Mit einer schnellen Handbewegung schmiss ich das Tablett über den ganzen Tisch bis es am anderen Ende mit einem klatschenden Geräusch an der Wand landete. Jetzt konnte ich die Arbeit vergessen, ich würde den ganzen Tag damit verbringen bei der Obrigkeit einen neuen Aufseher zu beantragen. Bestimmt würde es Wochen dauern bis ich meine Arbeit wieder aufnehmen konnte, weil ich die ganze Zeit darauf warten müsste einen neuen Aufseher zu bekommen.
Ich warf meine Jacke über und verließ den Essraum. An der Wand gelehnt, mit einer Zigarette im Mund, stand Harry Roots. Er stieß sich von der Wand ab und folgte mir durch den Gang. „Hey, Jack! Ich möchte mich ein wenig mit dir unterhalten!“ rief er mir hinterher, weil ich ihn ignorierte. Ich blieb nur kurz stehen, damit er aufholen konnte, dann ging ich weiter durch den weißen Gang. „Normalerweise werde ich doch erst am Abend mit deiner Anwesenheit belästigt.“ sagte ich abfällig.
„Mann, Jack. Die Lage ist wirklich ernst. Du solltest dich wirklich nicht so auffällig verhalten, sonst werden die da oben auf dich aufmerksam. Die Aktion im Theater war völlig unnötig.“
Harry nannte die Männer von der Obrigkeit immer ‚die da oben’, als wären es Götter oder irgendwelche andere übernatürliche Wesen. Meistens fand ich das recht belustigend, nur heute nicht. Er hatte Recht, die Obrigkeit sah mir bei jedem Handgriff auf die Finger, ich konnte keinen Schritt machen ohne von ihren Kameras beobachtet zu werden. Die Obrigkeit sagte zwar immer, dass sie ihre Arbeiter nicht mit Kameras überwachen würde, aber ich konnte die kleinen Dinger sofort entdecken. Sie versteckten sie überall, aber meistens waren es bewegliche, nur wenige Millimeter große Kameras die einem bei jedem Schritt folgten. Vor einigen Jahren hat das einen in den Wahnsinn getrieben. Der Typ dachte immer und überall beobachtet zu werden, irgendwann hat er es nicht mehr ausgehalten und ist aus dem Fenster im 30. Stockwerk gesprungen. Ich kannte ihn nicht, aber Vargo, der immer über alles Bescheid wusste, hat mir die Geschichte erzählt. Seitdem überwacht die Obrigkeit uns nicht mehr so auffällig und nur noch Arbeiter die besonders ‚seltsam’ waren.
Vor der Treppe blieb ich stehen und sagte zu Harry: „Falls du mich heute noch suchst, ich bin bei der Obrigkeit.“ Ich dachte, dass ich ihn so loswerden würde, aber er erwiderte: „Das passt gut, dann kann ich dir alles erklären. Ich muss auch zu denen für den wöchentlichen Report.“ Also folgte er mir.
Nachdem wir auf der vierten Ebene waren, konnten wir endlich den Fahrstuhl betreten. Dort empfing uns eine kühle Luft und durch die Lautsprecher drang Musik die auf mich sehr ermüdend wirkte. Wäre Harry nicht neben mir, hätte ich die ganzen zehn Minuten, die der Fahrstuhl brauchte um die oberste Ebene zu erreichen, durchgeschlafen.
Das Gebäude war 70 Stockwerke hoch und immer zehn Stockwerke waren in eine Ebene geteilt. Die Eben der Obrigkeit war die 7., aber dort war der Zugang zum 69. und 70. Stockwerk allein für die Männer der Obrigkeit bestimmt. Außer bei der morgendlichen Arbeitsverteilung und an bestimmten Tagen, bekam man die Männer der Obrigkeit nicht zu sehen. Ich musste für meinen Antrag in den 62. Stock der 7. Ebene, wohin Harry wollte wusste ich nicht.
Als die Türen geschlossen waren und der Fahrstuhl sich langsam in Bewegung setzte, fing auch Harry wieder an zu reden. „Die Obrigkeit will dich demnächst prüfen, sie wollen dir einen Tag lang bei der Arbeit zusehen. Also kannst du nicht wie sonst eine Stunde später anfangen als du es normalerweise machen solltest. Wenn du dir da einen Fehler erlaubst, bist du gefeuert. Sie haben mich damit beauftragt, deine Arbeit zu filmen und dich zu beurteilen. Ich würde dir gern helfen, aber du musst dir helfen lassen. Wenn das so weiter geht wie jetzt, dann werde ich denen die gesamte Wahrheit zeigen. Aber wenn du dich ändern willst, dann kann ich bei dem Urteil ein wenig nachhelfen.“
„Ich brauche deine Hilfe nicht.“
„Das weiß ich auch, du willst die Hilfe von niemand, aber so kommst du nicht weit. Lass dir wenigstens einmal helfen. Ich habe dir auch gesagt, dass ich dir einen Aufseher besorgen kann, der besser zu dir passt und dich bei der Arbeit besser unterstützt, aber die Hilfe wolltest du auch nicht.“
„Na gut, wenn du mir schneller als die Obrigkeit einen Aufseher besorgen kannst.“
„Das kann ich nicht, es geht kein Weg an denen da oben vorbei.“
„Dann brauche ich deine Hilfe auch nicht.“
„Sei doch vernünftig. Ich kannte deinen Vater, er war einer unserer Besten. Du könntest auch einer unserer Besten sein, wenn du nicht so disziplinlos wärst.“
„Du musst mir nicht erzählen, dass du meinen Vater kanntest, das weiß ich noch. Ich weiß auch noch, dass du meine Mutter sehr gut kanntest, zu gut.“
Nachdem ich das gesagt hatte, machte Harry eine ablehnende Handbewegung und schüttelte den Kopf.
„Du weiß ganz genau, dass das nicht stimmt. Ich war ein Freund deines Vaters, und deiner Mutter. Nur ein Freund.“
„Das erzählt mir jeder.“
„Du willst es einfach nicht verstehen. Wenn du meine Hilfe nicht willst, dann nützt es mir auch nicht dich weiter retten zu wollen.“
Harry drückte auf den Knopf und der Fahrstuhl kam langsam zum stehen, dann öffneten sich seine Türen. Harry trat aus dem Fahrstuhl und drehte sich zu mir um. „Ich dachte, du wolltest auch nach oben.“ sagte ich.
„Nein, ich wollte dich retten.“ erwiderte Harry bedrückt und die Türen schoben sich wieder zu. Nun war ich allein in dem Fahrstuhl, ich lehnte mich an die Wand und schloss meine Augen.
Der Fahrstuhl wurde langsamer bis er schließlich ganz anhielt, dann öffneten sich seine Türen und ich schlug meine Augen auf. Der 62. Stock, genau wohin ich wollte. Die Dame hinter dem breiten und hohen Tisch sah mich an und grinste breit, mir fiel natürlich gleich auf, dass es ein falsches Grinsen war. Am liebsten hätte mich die Frau den Fahrstuhlschacht hinuntergeworfen und hätte sich der Pflege ihres makellosen Gesichts gewidmet. Aber der Eindruck der Makellosigkeit täuschte, als ich näher herantrat konnte ich sehen, dass nur versucht künstlich jung zu bleiben. Wahrscheinlich hatte sie schon mehrere Schönheitsoperationen hinter sich und das bei ihrem miesen Gehalt. Bestimmt erschreckt sie sich jeden Morgen, wenn sie sich im Spiegel ansieht und fragt sich warum sie altern muss, dann wird sie versuchen das Alter unter einer Schicht von Make-up zu verstecken. Den Satz ‚in Ehren altern’ hatte man ihr wohl nie so richtig erklärt. Obwohl mich ihr künstliches Gesicht anwidert, bleibe ich freundlich und frage: „Wo sind die Anträge Nr. 12a zu finden?“ Ich war schon so oft hier, dass ich ganz genau wusste, wie der Antrag hieß.
„Sie sind da wo sie immer sind, Jack, die erste Tür rechts.“ sagte die Empfangsdame mit einer piepsigen Stimme. Ich war wohl doch schon öfter hier als ich vermutete, die Dame kannte schon meinen Namen. Ich ließ mich nicht weiter von dem Plastikgesicht beirren und führte meine Schritte zu der Tür.
Ich war der Einzige in dem Raum, wie so oft wenn ich hier war. Eigentlich kam es nur selten vor, dass sie ein Team aus Springer und Aufseher trennte. Ich setzte mich an eines der Terminal und blickte auf den Monitor. Mit dem Ziegefinger tippte ich auf das große grüne Wort ‚ja’, das auf dem Monitor blinkte. Ich kannte die Frage die darüber stand schon auswendig: Wünschen sie einen neuen Aufseher? Danach musste ich meinen Zugangscode eingeben, den wusste ich natürlich auch auswendig. Aber den Zugangscode auswendig zu kennen, war für jeden Arbeiter Pflicht, wie das bei der Obrigkeit ablief, wusste ich nicht. Ich glaube nicht mal, dass die Obrigkeit auch nur ein bisschen machte um die Firma am laufen zu halten.
Ich gebe meinen Zugangscode ein und der Monitor färbt sich vollkommen rot, dann ertönt eine Stimme. „ES GIBT PROBLEME MIT IHREM ZUGANGSCODE! MELDEN SIE SICH BITTE SOFORT IM STOCKWERK 4, DER EBENE 7!“
Ganz egal was das Problem war, es konnte nichts gutes sein, das war vorher noch nie passiert. Vielleicht habe ich meinen Millionsten Aufseher beantragt und jetzt bekomme ich einen Preis, dachte ich unbeeindruckt und musste leicht lachen.
Ich ging an der Empfangsdame vorbei, sie wusste schon was vorgefallen war und sah mich als wäre ich ein Schwerverbrecher. Dennoch verabschiedete sie mich freundlich.
Ich ging über die Treppe bis in das 64. Stockwerk, es sah fast genauso aus wie das 62., auf jeden Fall stand dort der gleiche schwere Tisch im vorderen Teil. Ich war vorher noch nie gewesen, aber auf der Ebene 7 sah sowieso alles gleich aus. Neben dem Tisch stand ein kleiner Mann, er winkte mich zu sich und richtete seine große Brille. Ich ging auf ihn zu und fragte sogleich: „Was für ein Problem gibt es?“
„Guten Tag, ich bin Herr Kitsune, kommen Sie bitte mit in mein Büro.“ Mehr sagte er mir nicht, dann ging er schon schnellen Schrittes voran. Wir gingen durch einen langen Korridor, an den Wänden waren Türen mit Fenster durch die ich aber nicht hindurch sehen konnte. Sie waren so sehr verdunkelt, dass ich nur einzelne Schatten erkennen konnte die an den Fenstern vorbeihuschten. Nun erreichten wir endlich die Tür zu seinem Büro, sie war am hintersten Ende des Stockwerks. Mit einem großen Schlüssel schloss er die Tür auf und wir betraten sein Büro. Die Wände waren voll mit Regalen auf denen große Bücher standen und in der Mitte stand ein kleiner dunkler Schreibtisch. Der kleine Mann setzte sich an seinen kleinen Schreibtisch und sagte mir, dass ich davor platz nehmen sollte. Nachdem ich mich gesetzt hatte, klatschte der Mann in die Hände und faltete sie zusammen. Er hob seinen Kopf von einem Buch und sagte: „Sie wollten heute ihren achten Aufseher in diesem Jahr beantragen. Was haben Sie dazu zu sagen?“ Ich sah dem kleinen Mann mit der dicken Brille in die Augen und erwiderte eintönig: „Scheint wohl ein neuer Rekord zu sein, sonst wärt ihr nicht so aufgeregt. Bin ich in Schwierigkeiten?“
„Wenn es nach mir gehen würde, wären Sie schon lange entlassen worden, aber jemand von der Obrigkeit scheint Sie zu mögen. Sie bekommen einen neuen Aufseher, aber da wir zurzeit nicht viele freie Aufseher haben, bekommen Sie einen Neuling. Sie sind dafür zuständig ihn einzuweisen und ihm alles beizubringen. Wenn Sie das nicht hinkriegen, werden Sie endgültig gefeuert und verlieren jegliche Ansprüche.“
„Dann muss ich nur mit einem Frischling zusammenarbeiten, ich dachte schon die Bestrafung wäre härter.“ sagte ich und lehnte mich zurück.
„Seien Sie sich nur nicht zu sicher, die Ausbildung von Neuankömmlingen ist sehr schwierig und nachdem was ich über Sie gehört habe, werden Sie es nicht schaffen dem Neuling auch nur einen Handgriff beizubringen. Ihre Disziplinlosigkeit wird dann endlich ein Ende haben.“
„Wann wird der Frischling anfangen?“ fragte ich und versuchte mich von seinen Anfeindungen nicht beeindrucken zu lassen.
„Gleich Morgen. Außerdem müssen Sie ihre Kammer räumen und in ihre Arbeitskammer umziehen, der Raum wird für den Neuling gebraucht.“
Das traf mich dann schon eher, ich besaß diesen Raum seit ich hier angefangen habe, aber nun musste ich mir alles neu anschaffen. ‚Die Kammer räumen’ bedeutete, dass man alles, bis auf die persönlichen Gegenstände, nehmen musste und in die Arbeitskammer, also den Arbeitsplatz, bringen musste. Und das nur, weil ein Neuling deine alte Kammer bekam. Ich bezeichnet es immer zynisch als ‚Kreislauf des Leben’ wenn ich sah, dass wieder mal jemand die Kammer räumen musste und jetzt traf es mich selbst.
Ich erhob mich von dem Stuhl und Herr Kitsune reichte mir die Hand, aber ich erwiderte es nicht und ging. Doch ich sah noch, dass der kleine Mann über meine Reaktion lächelte, das war wohl genau das was wollte. ich schlug die Tür hinter mir zu und hörte wie ein Regal nach dem anderen umfiel, wie Dominosteine. Von Herrn Kitsune hörte ich nur ein: „Oh nein!“ Die Türen in dem Korridor waren nun geöffnet und die Menschen, die vorher noch Schatten waren, wurden zu beweglichen Gesichtern, die mich unverwandt anstarrten. Ohne den Gesichtern einen weiteren Blick zu schenken gehe ich durch den Korridor bis zum Empfang, dort lehne ich mich an den Tisch und fasse mir an den Kopf. Jetzt haben sie mir einen Neuling an das Bein gebunden, dabei bin ich mit meiner Arbeit sowieso schon im Rückstand. Und wenn sie mich rauswerfen, würde ich nirgendwo in dieser Stadt eine Arbeit bekommen. Wer würde schon einen einstellen, der vorher bei der Kolomnian Inc. gearbeitet hatte? Die Dame, die wesentlich jünger ist als die Frau zwei Stockwerke unter ihr, fragt: „Geht es Ihnen nicht gut? Wünschen Sie, dass ich einen Arzt hole?“ Ich schenke ihr nur einen kurzen Blick, dann erwidere ich darauf nur: „Mir ging es noch nie gut.“ Ich gehe weiter auf den Fahrstuhl zu und drücke auf den Knopf, er öffnet sofort seine Türen und ich trete ein.
Wie an jedem anderen Morgen auch hörte ich diesen monotonen Satz, der fortlaufend wiederholt wurde, und das eine Viertelstunde lang. Es klang kaum noch wie die Worte eines Mensches, viel eher wie die metallenen Laute einer Maschine. „Jeder Morgen ist ein guter Morgen.“ rief sie mir durch den Lautsprecher zu. Ich fragte mich an jedem Morgen wieder, was an ihm so gut sein sollte. Ich kam zu dem Entschluss, dass sie mich anlogen. Ein Morgen konnte nicht gut sein, so viel war klar.
Das erste was ich tat als ich aufwachte, war natürlich die Augen öffnen, aber danach streckte ich meine Hand aus und taste müde nach einer Zigarette. Als ich sie dann endlich gefunden hatte zündete ich sie an und nahm einen tiefen Zug. Das erste was meine Lunge am Morgen bekam, war also nicht der Duft des noch jungen Tages, sondern die harte Realität einer Zigarette. Der Rauch füllt meine Lungen und mit einem müden Seufzer entließ ich den blauen Dunst. Danach stehe ich von meiner blauen Pritsche mit den aufgenähten weißen Punkten auf und strecke mich. An so einem guten Morgen wird jede Bewegung zur Qual. Am liebsten würde ich den ganzen Tag in dem ungemütlichen Bett liegen bleiben, eine Zigarette nach der anderen rauchen und dabei zusehen, wie ich langsam sterben würde. Aber leider musste ich zur Arbeit.
Ich senkte meine Arme wieder aus ihrer gestreckten Position und sehe mir die spärliche Bettwäsche an. Die Matratze die auf dem Boden liegt ist ungefähr so gemütlich wie ein Stein und die Decke ist nicht mal so lang, dass sie meine Füße bedeckt. Doch das war die Standardausrüstung für einen Arbeiter mit meinem niedrigen Dienstgrad, deswegen konnte ich mich nicht beschweren.
Langsam löse ich mich von dem jämmerlichen Anblick meiner Schlafstätte und mache mich daran meine Sachen überzuziehen. Ich muss sie an jedem Abend vor dem schlafen gehen waschen, damit ich sie am nächsten Tag wieder anziehen kann. Für mehr als die paar Sachen reichte das Geld leider nicht. Wenigstens ist es nachts nicht so warm, wenn ich ohne Kleidung schlafe. Ich ziehe meine dunkle Jeans an und schließe den Reißverschluss, dann streife ich mein weißes T-Shirt über und zum Schluss ziehe ich meine schwarze Jacke an. Diese Jacke mit dem kleinen Loch am Rücken und der großen Kapuze besitze ich nun schon seit 20 Jahren. Ich erinnere mich noch ganz genau, wie mein Vater mir diese Jacke an meinem Geburtstag geschenkt hatte. Sie war sein Ein und Alles und dass er sie mir schenkte, war das größte Glück in meinem leidigen Leben. Einen Tag später wurde er von den Anderen getötet, einfach ausgelöscht. Deswegen bin ich auch hier gelandet, ich wollte als Kind eigentlich einen Job in der Obrigkeit und jetzt sitze ich auf diesem Posten fest, keinen Anreiz weiter zu machen. Ich habe mich damit abgefunden, dass man dem einfachen Mann nicht helfen kann, weil er keine Hilfe will. All diese kindlichen Vorsätze sind verschwunden und haben ganz langsam Platz gemacht für die Wahrheit. Es ist eine harte Wahrheit, aber ich muss mich damit abfinden. So lebe ich jeden Tag, ohne das Verlangen nach Gerechtigkeit, dass man bei meinem Job eigentlich haben sollte.
Nachdem ich einen letzten Blick auf die Unordnung in meinem Bett geworfen hatte, steckte ich mir die Zigarettenschachtel in die Brusttasche meiner Jacke und öffne die rostige Eisentür. In dem weißen Korridor scheinen die grellen Neonlampen und bringen meine Augen fast zum Tränen. Genau wie bei den Lautsprecher konnte man die Intensität der Lampen nicht ändern, sodass ich jeden Morgen in diese grelle und sterile Welt eintrat und mich jedes Mal wie ein Fremder fühlte. Der Korridor war das vollkommene Gegenteil zu meinem kleinen Raum. Aber ich dachte mir, dass es vielen so ging, denn die Zimmer links und rechts von meinem sahen alle identisch aus. Gleichheit um die Gerechtigkeit zu wahren, hieß es von der Obrigkeit immer.
Ich setzte einen Fuß aus der Tür und bleibe vor der kleinen weiß schimmernden Bank die meinem Raum gegenüber liegt stehen. Der Mann der auf der Bank sitzt muss leicht lachen und während er lacht sagt er: „Du siehst müde aus, Jack.“ Jetzt, da sich meine Augen an das grelle Licht gewöhnt haben, erkenne ich den Mann besser, es ist Vargo, er ist sozusagen mein Freund. Eigentlich habe ich keine Lust und keine Zeit für Freunde, aber Vargo ist jeden Tag wieder da und bedrängt mich mit seiner Anwesenheit, also sollte ich ihn meinen Freund nennen. „Bist du bereit für das morgendliche Treffen?“ fragt er mich und ich nicke nur leicht. Ich weiß ganz genau, dass ich ihn jeden Morgen anlüge, wenn ich notgedrungen nicke, aber ich belüge sogar mich selbst. Vargo richtete sich zu seiner vollen Größe auf - selbst dann war er noch einen Kopf kleiner als ich - und lächelt mir ins Gesicht. Ich frage mich, wie er jeden Morgen so gut gelaunt sein kann. Er richtete seine braune Krawatte und schreitet voran den Gang entlang und ich folge ihm schweren Schrittes. Wir gehen eine breite weiße Treppe herunter, direkt in die Menschenmenge der wartenden Leute. Sie warten darauf, dass sich das Tor vor ihnen öffnet und sie in das kleine Theater gehen können, in dem der morgendliche Bericht und die Arbeitsverteilung stattfinden, wer da zu spät kommt, bekommt nur noch die miesen Arbeiten. Ich bin einmal zu spät gekommen, danach nie wieder.
Vargo tippt mir ungeduldig auf die Schulter, bis ich mich endlich zu ihm umdrehe und frage was er hat. Er deutete auf ein Fenster vor dem einer der Obrigkeit mit einer neuen Angestellten stand, er wies sie gerade ein. Ich wunderte mich über sie, weil sie noch sehr jung war, höchstens 22. Normalerweise stellte die Obrigkeit nur Leute ein die Erfahrung hatte, aber dann fiel mir wieder ein, dass sie auch häufig welche einstellte die das nötige Kleingeld mitbrachten. Meistens verstanden diese Leute, die uns dann sponserten, unsere Arbeit als einen kleinen Urlaub oder als Abenteuer. Ich musste schon mal mit so einem reichen Mistkerl zusammenarbeiten, bis ich ihm bei einem Unfall den Arm brach. Das war dann das Ende seines munteren Ausflugs. Vargo, der nun neben mir stand, flüsterte mir ins Ohr: „Hoffentlich kann ich mit ihr zusammenarbeiten, ich könnte ich ein paar Handgriffe zeigen die sie sonst nicht lernen würde.“ Ich ignorierte seine Anspielung und sah den beiden weiter zu. So wie sie sich gab, wirkte sie keinesfalls wie ein so genannter ‚Arbeitstourist’, sie hatte denselben Ausdruck in ihren Augen wie ich, als ich hier anfing. Sie wollte wirklich hier arbeiten, mit Leib und Seele, auch wenn sie beides dafür verschenken musste. Vargo bemerkte nur eins, er sagte: „Sie ist wirklich attraktiv.“ Dabei nahm er seine dicke Brille ab und machte sie an seinem blauen Pullover sauber. Obwohl ich seine weiteren Anspielungen, die danach noch folgten, ziemlich abstoßend fand, konnte ich mich nicht dem Eindruck erwehren, dass sie äußerst gut aussah. Ihre schwarzen Haare, die ihre nicht ganz bis zu den Schultern gingen, schimmerten in dem aufkommenden Licht der Sonne leicht gräulich und ihr junges reines Gesicht zeugte davon, dass sie in ihrem Leben noch nicht viel Schmerz erlitten haben musste. Die Massen drängen mich nun allmählich in das nun geöffnete Theater, aber ich kann noch einen letzten Blick von ihrem Gesicht erhaschen. Sie dreht sich zusammen mit dem Mann der Obrigkeit zu dem Theater herum und blickt direkt mit ihren blauen Augen in meine braunen, von Verbitterung gepeinigten Augen, dann verschwinde ich gänzlich im Theater und verliere sie aus den Augen. Ich wusste nicht, wie sie reagiert hatte auf diese dunklen Augen, die sie aus einem grauen Brei von Menschen ansahen, dazu reichte der Augenblick nicht lang genug.
Langsam verbanne ich die Frau in die hinterste Ecke meines Kopfes und setzte mich auf einen der vielen braunen Sitze. Früher, als ich hier mit 16 Jahren anfing zu arbeiten, waren die Sitze gerade neu bespannt worden und damals schimmerten sie noch rötlich. Als mir das Wort ‚damals’ in den Sinn kam, fühlte ich mich auf einmal so alt, trotz meiner 30 Jahre. Aber da kam mir auch wieder der Gedanke an den Satz von Vargo: „Man fühlt sich morgens immer alt.“ Das war eine der Moment, in denen ich ihm zustimmen konnte, aber das kam nicht oft vor. Wir beide waren einfach viel zu verschieden um wirklich einmal dieselbe Meinung zu haben, deswegen arbeitete ich auch nie mit ihm zusammen. Mein Partner bei der Arbeit saß nun neben mir in dem Theater. Er wurde von allen immer nur J.O. genannt, seinen richtigen Namen wollte ich auch nie erfahren. J.O. war eine rundliche und glückliche Person, aus seiner Sicht waren die anderen Menschen mager und er war genau richtig. Aber nicht nur Fett hatte er viel, er besaß auch ein sehr großes Selbstbewusstsein. Er sagte immer, dass er an seinem ganzen Körper kein einziges Haar besaß und ich erinnere mich noch daran wie er einmal sagte, dass er seit seiner Geburt schon ohne ein einziges Haar lebt.
Wie in einem Zeitraffer erleuchtet sich das Theater nur ganz langsam bis schließlich der ganze Raum erhellt ist und ich wieder mit den Lichtverhältnissen kämpfen muss. Das belustigt J.O. jeden Morgen und er lacht jedes Mal laut los, sodass sich die anderen Menschen zu ihm umdrehten, um zu sehen woher das belästigend laute Gelächter kam. Doch dann herrschte vollkommene Stille, kein Geraune von den vorderen Sitzen, kein lärmendes Lachen von J.O, einfach nur Stille. Die Lichter unterhalb der großen Bühne fingen an zu leuchten und ein älterer Mann mit einem schweren Umhang trat hervor. Er hob seine Hände als wolle er, dass es noch ruhiger im Theater wurde und begann zu sprechen. Seine Stimme war laut und durchdringend und sie erfüllte den gesamten Raum. „Wir beginnen nun mit der Arbeitsverteilung, aber vorher möchte unser Rechtsbeamter ein paar Worte sagen!“ Der ältere Mann trat wieder zurück und ein magerer Mann in den Vierzigern trat aus der dunklen Ecke der Bühne hervor um zur Menge zu sprechen. Er trug einen dunkelblauen Anzug und eine dicke Sonnenbrille auf der Nase. Ich kannte ihn eigentlich ganz gut, wir hatten oft miteinander zu tun, wenn der Obrigkeit nicht gefiel wie ich arbeitete. Sein Name war Harry Roots und soweit er es mir erzählt hatte, besaß er keine Familie. Er hob ebenfalls seine Arme um zu sprechen und sagte mit einer wesentlich ruhigeren Stimme: „Vor ein paar Tagen ist uns zu Ohren gekommen, dass wir Spione in unseren Reihen haben, darum muss jeder Vorgang genau beschrieben werden. Wir wollen ganz genau wissen wann ihr was tut.“
„Wollen Sie auch wissen, wann wir auf Klo gehen!“ platzte es aus mir heraus. Eigentlich wollte ich mich ruhig verhalten, aber diese übertriebene, fast schon ängstliche, Vorsichtig ging mir zu weit. Der Mann von der Obrigkeit und Harry Roots warfen mir einen bösen Blick zu, dann fuhr er unbeeindruckt fort. „Natürlich wollen wir nur die für die Arbeit relevanten Dinge wissen. Außerdem haben wir bereits eine Person entlassen und seine Stelle sofort neu besetzt, aber laut unseren Informationen gibt es noch wesentlich mehr Spione.“ Er schloss seinen Satz ab und blickte jeden im Theater mit vorwurfsvollen Augen an. „Das war dann auch alles, Sie werden jetzt Ihre Arbeiten zugeteilt bekommen.“ Nun trat Harry Roots zurück und verließ die Bühne. Ich dachte mir schon, dass er heute bestimmt wieder zu mir kommen würde. Wenn es Probleme gab, kam er immer als erstes zu mir. Der Mann der Obrigkeit machte sich nun daran die Arbeiten unter die wartende Menge zu bringen, indem er immer wieder die Nummer aufrief bis schließlich jemand den Auftrag annahm.
Mit meinem Kinn auf die Hand gestützt saß ich in dem großen Essraum des Hauses, außer mir waren schon alle gegangen um zu arbeiten. Ich saß da, vollkommen verlassen auf der weißen Bank und steckte mir müde irgendein synthetisches Essen in den Mund, ich glaube es sollte ein Brot sein. Meistens schmeckte das Essen eh nur wie Pappe, aber manchmal roch es wenigstens wie Essen. Langsam kaute ich das Stück und schluckte es herunter, da kam J.O. in den Essraum. J.O. setzte sich vor mir auf die Bank und blickte sich in dem leeren Raum um. „Die sind schon alle arbeiten, nehmen sich keine Zeit das Essen zu genießen.“ sagte ich ironisch.
„Wir sollten auch schon längst bei der Arbeit sein.“ entgegnet J.O. ernst.
„Ja, ich weiß, aber ich bin noch zu müde. Wir können in einer Stunde anfangen, dann bin ich mit dem pappigen Essen fertig.“
„Du hast wirklich eine miese Einstellung, deswegen habe ich auch beantragt einen neuen Posten zu bekommen.“
Er sah mir nicht mal in die Augen, als er mich so hinterging. Wahrscheinlich hatte er das schon seit Wochen geplant und mir kein Wort gesagt. Wäre ich nicht zu müde gewesen, hätte ich ihn gleich quer durch den Essraum geworfen. Wir arbeiteten schon seit mehr als zwei Monaten zusammen, so lange war noch niemand geblieben. Und jetzt wollte er wegen so einer Kleinigkeit aufhören.
„Und wo willst du jetzt arbeiten?“ fragte ich ihn noch ruhig.
„Bei Jerry Edison ist der Posten des Aufsehers frei geworden, nachdem sein vorheriger Aufseher gefeuert wurde. Du weiß schon, wegen der Sache mit den Spionen.“
„Ja, ich verstehe schon. Weil der Aufseher von Jerry Edison - dem größten Idioten in der Firma - ein Spion war, hast du endlich deine Chance bekommen abzuhauen.“ sagte ich und versuchte immer noch meine Wut zu unterdrücken.
Nun hob J.O. seinen Kopf und sah mir ins Gesicht, endlich stellte er sich mir.
„Das hat sich kurzfristig ergeben, er hat bei mir angefragt, da konnte ich doch nicht nein sagen. Er darf Fälle des Grades E bearbeiten, du hättest die Chance doch auch wahrgenommen, wenn du sie bekommen hättest.“
„Nein, das hätte ich nicht, weil ich meinen Partner nicht verrate.“
Wäre J.O. jetzt nicht aufgestanden, hätte ich mich vielleicht nicht mehr beherrschen können, aber er tat das einzig richtige und ging. Ich sah ihm noch hinterher bis sich die Flügeltür des Essraums schloss, dann widmete ich mich wieder meinem pappigen Essen. Das Essen widerte mich an, es triefte, es stank und mir war der Appetit vergangen. Mit einer schnellen Handbewegung schmiss ich das Tablett über den ganzen Tisch bis es am anderen Ende mit einem klatschenden Geräusch an der Wand landete. Jetzt konnte ich die Arbeit vergessen, ich würde den ganzen Tag damit verbringen bei der Obrigkeit einen neuen Aufseher zu beantragen. Bestimmt würde es Wochen dauern bis ich meine Arbeit wieder aufnehmen konnte, weil ich die ganze Zeit darauf warten müsste einen neuen Aufseher zu bekommen.
Ich warf meine Jacke über und verließ den Essraum. An der Wand gelehnt, mit einer Zigarette im Mund, stand Harry Roots. Er stieß sich von der Wand ab und folgte mir durch den Gang. „Hey, Jack! Ich möchte mich ein wenig mit dir unterhalten!“ rief er mir hinterher, weil ich ihn ignorierte. Ich blieb nur kurz stehen, damit er aufholen konnte, dann ging ich weiter durch den weißen Gang. „Normalerweise werde ich doch erst am Abend mit deiner Anwesenheit belästigt.“ sagte ich abfällig.
„Mann, Jack. Die Lage ist wirklich ernst. Du solltest dich wirklich nicht so auffällig verhalten, sonst werden die da oben auf dich aufmerksam. Die Aktion im Theater war völlig unnötig.“
Harry nannte die Männer von der Obrigkeit immer ‚die da oben’, als wären es Götter oder irgendwelche andere übernatürliche Wesen. Meistens fand ich das recht belustigend, nur heute nicht. Er hatte Recht, die Obrigkeit sah mir bei jedem Handgriff auf die Finger, ich konnte keinen Schritt machen ohne von ihren Kameras beobachtet zu werden. Die Obrigkeit sagte zwar immer, dass sie ihre Arbeiter nicht mit Kameras überwachen würde, aber ich konnte die kleinen Dinger sofort entdecken. Sie versteckten sie überall, aber meistens waren es bewegliche, nur wenige Millimeter große Kameras die einem bei jedem Schritt folgten. Vor einigen Jahren hat das einen in den Wahnsinn getrieben. Der Typ dachte immer und überall beobachtet zu werden, irgendwann hat er es nicht mehr ausgehalten und ist aus dem Fenster im 30. Stockwerk gesprungen. Ich kannte ihn nicht, aber Vargo, der immer über alles Bescheid wusste, hat mir die Geschichte erzählt. Seitdem überwacht die Obrigkeit uns nicht mehr so auffällig und nur noch Arbeiter die besonders ‚seltsam’ waren.
Vor der Treppe blieb ich stehen und sagte zu Harry: „Falls du mich heute noch suchst, ich bin bei der Obrigkeit.“ Ich dachte, dass ich ihn so loswerden würde, aber er erwiderte: „Das passt gut, dann kann ich dir alles erklären. Ich muss auch zu denen für den wöchentlichen Report.“ Also folgte er mir.
Nachdem wir auf der vierten Ebene waren, konnten wir endlich den Fahrstuhl betreten. Dort empfing uns eine kühle Luft und durch die Lautsprecher drang Musik die auf mich sehr ermüdend wirkte. Wäre Harry nicht neben mir, hätte ich die ganzen zehn Minuten, die der Fahrstuhl brauchte um die oberste Ebene zu erreichen, durchgeschlafen.
Das Gebäude war 70 Stockwerke hoch und immer zehn Stockwerke waren in eine Ebene geteilt. Die Eben der Obrigkeit war die 7., aber dort war der Zugang zum 69. und 70. Stockwerk allein für die Männer der Obrigkeit bestimmt. Außer bei der morgendlichen Arbeitsverteilung und an bestimmten Tagen, bekam man die Männer der Obrigkeit nicht zu sehen. Ich musste für meinen Antrag in den 62. Stock der 7. Ebene, wohin Harry wollte wusste ich nicht.
Als die Türen geschlossen waren und der Fahrstuhl sich langsam in Bewegung setzte, fing auch Harry wieder an zu reden. „Die Obrigkeit will dich demnächst prüfen, sie wollen dir einen Tag lang bei der Arbeit zusehen. Also kannst du nicht wie sonst eine Stunde später anfangen als du es normalerweise machen solltest. Wenn du dir da einen Fehler erlaubst, bist du gefeuert. Sie haben mich damit beauftragt, deine Arbeit zu filmen und dich zu beurteilen. Ich würde dir gern helfen, aber du musst dir helfen lassen. Wenn das so weiter geht wie jetzt, dann werde ich denen die gesamte Wahrheit zeigen. Aber wenn du dich ändern willst, dann kann ich bei dem Urteil ein wenig nachhelfen.“
„Ich brauche deine Hilfe nicht.“
„Das weiß ich auch, du willst die Hilfe von niemand, aber so kommst du nicht weit. Lass dir wenigstens einmal helfen. Ich habe dir auch gesagt, dass ich dir einen Aufseher besorgen kann, der besser zu dir passt und dich bei der Arbeit besser unterstützt, aber die Hilfe wolltest du auch nicht.“
„Na gut, wenn du mir schneller als die Obrigkeit einen Aufseher besorgen kannst.“
„Das kann ich nicht, es geht kein Weg an denen da oben vorbei.“
„Dann brauche ich deine Hilfe auch nicht.“
„Sei doch vernünftig. Ich kannte deinen Vater, er war einer unserer Besten. Du könntest auch einer unserer Besten sein, wenn du nicht so disziplinlos wärst.“
„Du musst mir nicht erzählen, dass du meinen Vater kanntest, das weiß ich noch. Ich weiß auch noch, dass du meine Mutter sehr gut kanntest, zu gut.“
Nachdem ich das gesagt hatte, machte Harry eine ablehnende Handbewegung und schüttelte den Kopf.
„Du weiß ganz genau, dass das nicht stimmt. Ich war ein Freund deines Vaters, und deiner Mutter. Nur ein Freund.“
„Das erzählt mir jeder.“
„Du willst es einfach nicht verstehen. Wenn du meine Hilfe nicht willst, dann nützt es mir auch nicht dich weiter retten zu wollen.“
Harry drückte auf den Knopf und der Fahrstuhl kam langsam zum stehen, dann öffneten sich seine Türen. Harry trat aus dem Fahrstuhl und drehte sich zu mir um. „Ich dachte, du wolltest auch nach oben.“ sagte ich.
„Nein, ich wollte dich retten.“ erwiderte Harry bedrückt und die Türen schoben sich wieder zu. Nun war ich allein in dem Fahrstuhl, ich lehnte mich an die Wand und schloss meine Augen.
Der Fahrstuhl wurde langsamer bis er schließlich ganz anhielt, dann öffneten sich seine Türen und ich schlug meine Augen auf. Der 62. Stock, genau wohin ich wollte. Die Dame hinter dem breiten und hohen Tisch sah mich an und grinste breit, mir fiel natürlich gleich auf, dass es ein falsches Grinsen war. Am liebsten hätte mich die Frau den Fahrstuhlschacht hinuntergeworfen und hätte sich der Pflege ihres makellosen Gesichts gewidmet. Aber der Eindruck der Makellosigkeit täuschte, als ich näher herantrat konnte ich sehen, dass nur versucht künstlich jung zu bleiben. Wahrscheinlich hatte sie schon mehrere Schönheitsoperationen hinter sich und das bei ihrem miesen Gehalt. Bestimmt erschreckt sie sich jeden Morgen, wenn sie sich im Spiegel ansieht und fragt sich warum sie altern muss, dann wird sie versuchen das Alter unter einer Schicht von Make-up zu verstecken. Den Satz ‚in Ehren altern’ hatte man ihr wohl nie so richtig erklärt. Obwohl mich ihr künstliches Gesicht anwidert, bleibe ich freundlich und frage: „Wo sind die Anträge Nr. 12a zu finden?“ Ich war schon so oft hier, dass ich ganz genau wusste, wie der Antrag hieß.
„Sie sind da wo sie immer sind, Jack, die erste Tür rechts.“ sagte die Empfangsdame mit einer piepsigen Stimme. Ich war wohl doch schon öfter hier als ich vermutete, die Dame kannte schon meinen Namen. Ich ließ mich nicht weiter von dem Plastikgesicht beirren und führte meine Schritte zu der Tür.
Ich war der Einzige in dem Raum, wie so oft wenn ich hier war. Eigentlich kam es nur selten vor, dass sie ein Team aus Springer und Aufseher trennte. Ich setzte mich an eines der Terminal und blickte auf den Monitor. Mit dem Ziegefinger tippte ich auf das große grüne Wort ‚ja’, das auf dem Monitor blinkte. Ich kannte die Frage die darüber stand schon auswendig: Wünschen sie einen neuen Aufseher? Danach musste ich meinen Zugangscode eingeben, den wusste ich natürlich auch auswendig. Aber den Zugangscode auswendig zu kennen, war für jeden Arbeiter Pflicht, wie das bei der Obrigkeit ablief, wusste ich nicht. Ich glaube nicht mal, dass die Obrigkeit auch nur ein bisschen machte um die Firma am laufen zu halten.
Ich gebe meinen Zugangscode ein und der Monitor färbt sich vollkommen rot, dann ertönt eine Stimme. „ES GIBT PROBLEME MIT IHREM ZUGANGSCODE! MELDEN SIE SICH BITTE SOFORT IM STOCKWERK 4, DER EBENE 7!“
Ganz egal was das Problem war, es konnte nichts gutes sein, das war vorher noch nie passiert. Vielleicht habe ich meinen Millionsten Aufseher beantragt und jetzt bekomme ich einen Preis, dachte ich unbeeindruckt und musste leicht lachen.
Ich ging an der Empfangsdame vorbei, sie wusste schon was vorgefallen war und sah mich als wäre ich ein Schwerverbrecher. Dennoch verabschiedete sie mich freundlich.
Ich ging über die Treppe bis in das 64. Stockwerk, es sah fast genauso aus wie das 62., auf jeden Fall stand dort der gleiche schwere Tisch im vorderen Teil. Ich war vorher noch nie gewesen, aber auf der Ebene 7 sah sowieso alles gleich aus. Neben dem Tisch stand ein kleiner Mann, er winkte mich zu sich und richtete seine große Brille. Ich ging auf ihn zu und fragte sogleich: „Was für ein Problem gibt es?“
„Guten Tag, ich bin Herr Kitsune, kommen Sie bitte mit in mein Büro.“ Mehr sagte er mir nicht, dann ging er schon schnellen Schrittes voran. Wir gingen durch einen langen Korridor, an den Wänden waren Türen mit Fenster durch die ich aber nicht hindurch sehen konnte. Sie waren so sehr verdunkelt, dass ich nur einzelne Schatten erkennen konnte die an den Fenstern vorbeihuschten. Nun erreichten wir endlich die Tür zu seinem Büro, sie war am hintersten Ende des Stockwerks. Mit einem großen Schlüssel schloss er die Tür auf und wir betraten sein Büro. Die Wände waren voll mit Regalen auf denen große Bücher standen und in der Mitte stand ein kleiner dunkler Schreibtisch. Der kleine Mann setzte sich an seinen kleinen Schreibtisch und sagte mir, dass ich davor platz nehmen sollte. Nachdem ich mich gesetzt hatte, klatschte der Mann in die Hände und faltete sie zusammen. Er hob seinen Kopf von einem Buch und sagte: „Sie wollten heute ihren achten Aufseher in diesem Jahr beantragen. Was haben Sie dazu zu sagen?“ Ich sah dem kleinen Mann mit der dicken Brille in die Augen und erwiderte eintönig: „Scheint wohl ein neuer Rekord zu sein, sonst wärt ihr nicht so aufgeregt. Bin ich in Schwierigkeiten?“
„Wenn es nach mir gehen würde, wären Sie schon lange entlassen worden, aber jemand von der Obrigkeit scheint Sie zu mögen. Sie bekommen einen neuen Aufseher, aber da wir zurzeit nicht viele freie Aufseher haben, bekommen Sie einen Neuling. Sie sind dafür zuständig ihn einzuweisen und ihm alles beizubringen. Wenn Sie das nicht hinkriegen, werden Sie endgültig gefeuert und verlieren jegliche Ansprüche.“
„Dann muss ich nur mit einem Frischling zusammenarbeiten, ich dachte schon die Bestrafung wäre härter.“ sagte ich und lehnte mich zurück.
„Seien Sie sich nur nicht zu sicher, die Ausbildung von Neuankömmlingen ist sehr schwierig und nachdem was ich über Sie gehört habe, werden Sie es nicht schaffen dem Neuling auch nur einen Handgriff beizubringen. Ihre Disziplinlosigkeit wird dann endlich ein Ende haben.“
„Wann wird der Frischling anfangen?“ fragte ich und versuchte mich von seinen Anfeindungen nicht beeindrucken zu lassen.
„Gleich Morgen. Außerdem müssen Sie ihre Kammer räumen und in ihre Arbeitskammer umziehen, der Raum wird für den Neuling gebraucht.“
Das traf mich dann schon eher, ich besaß diesen Raum seit ich hier angefangen habe, aber nun musste ich mir alles neu anschaffen. ‚Die Kammer räumen’ bedeutete, dass man alles, bis auf die persönlichen Gegenstände, nehmen musste und in die Arbeitskammer, also den Arbeitsplatz, bringen musste. Und das nur, weil ein Neuling deine alte Kammer bekam. Ich bezeichnet es immer zynisch als ‚Kreislauf des Leben’ wenn ich sah, dass wieder mal jemand die Kammer räumen musste und jetzt traf es mich selbst.
Ich erhob mich von dem Stuhl und Herr Kitsune reichte mir die Hand, aber ich erwiderte es nicht und ging. Doch ich sah noch, dass der kleine Mann über meine Reaktion lächelte, das war wohl genau das was wollte. ich schlug die Tür hinter mir zu und hörte wie ein Regal nach dem anderen umfiel, wie Dominosteine. Von Herrn Kitsune hörte ich nur ein: „Oh nein!“ Die Türen in dem Korridor waren nun geöffnet und die Menschen, die vorher noch Schatten waren, wurden zu beweglichen Gesichtern, die mich unverwandt anstarrten. Ohne den Gesichtern einen weiteren Blick zu schenken gehe ich durch den Korridor bis zum Empfang, dort lehne ich mich an den Tisch und fasse mir an den Kopf. Jetzt haben sie mir einen Neuling an das Bein gebunden, dabei bin ich mit meiner Arbeit sowieso schon im Rückstand. Und wenn sie mich rauswerfen, würde ich nirgendwo in dieser Stadt eine Arbeit bekommen. Wer würde schon einen einstellen, der vorher bei der Kolomnian Inc. gearbeitet hatte? Die Dame, die wesentlich jünger ist als die Frau zwei Stockwerke unter ihr, fragt: „Geht es Ihnen nicht gut? Wünschen Sie, dass ich einen Arzt hole?“ Ich schenke ihr nur einen kurzen Blick, dann erwidere ich darauf nur: „Mir ging es noch nie gut.“ Ich gehe weiter auf den Fahrstuhl zu und drücke auf den Knopf, er öffnet sofort seine Türen und ich trete ein.
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