Hängt davon ab, was du unter Rolle verstehst. Denn jede Situation, in der wir uns bewegen und jede unserer Verhaltensweisen ist in gewisser Weise rollenhaft.
Ich z.B. konnte mich nie mit der Rolle eines Erwachsenen anfreunden. Oder mit der klassischen Rolle als Mann, der als Familienoberhaupt und Brotverdiener die Existenz der Familie sichert. Oder der Rolle als Jugendlicher, der eine Party nach der anderen abzuklappern, dabei Alkohol und Tabak in fast tödlichen Mengen zu konsumieren und eine Frau nach der anderen wegzuknattern hat. Oder mit der Rolle des traditionell christlich-monogamen Ehemanns. Oder... oder... oder...
Uns wird immer vorgegaukelt, wie frei das Leben doch wäre und was für tolle Entscheidungen man treffen kann. Aber wie sehen diese Entscheidungen aus? Du kannst dir aussuchen, in welchem Job du dich ausbeuten lässt, wie viele Kinder du in die Welt setzt und über welche Tricks Politik und Banken dich finanziell ausbluten. Es ist egal, wie du dich entscheidest, das Resultat ist am Ende immer dasselbe. Du hast nicht einmal die Wahl, ob und was du vom Leben willst, denn entweder du entscheidest dich für Luxus auf Kosten der Umwelt, was früher oder später zum Untergang unseres Planeten führen wird. Oder du entscheidest dich für ein Leben voller Unbequemlichkeit, Ärger, Frust und Einschränkungen. Und am Ende macht es nicht einmal einen Unterschied, weil viel zu viele andere sich trotzdem dafür entscheiden, der Welt zu schaden.
Beim Thema Rollen geht es immer auch um Entscheidungsmöglichkeit und Freiheit auf der einen Seite. Und um Offenheit und Interesse auf der anderen. Entscheidungsmöglichkeiten werden dir aber vor allem nur dort gegeben, wo es für andere bequem und einfach ist, dich zu kontrollieren. Entweder per Gesetz oder per Gesellschaft. Und die nötige Offenheit - die habe ich gefühlt nur bei einer Anzahl Menschen feststellen können, die ich an einer Hand abzählen kann.
Wir predigen immer die liberale und freie Gesellschaft, leben tun wir gefühlt aber immer noch in den 1850er Jahren. Die neue Generation ist sogar konservativer, als es unsere Eltern in den 60er Jahren waren. Und das Hoch der 70er ist gefühlt danach nie mehr erreicht worden. Selbst sexuell degenerieren unsere Rollenvorstellungen wieder in vorgefertigte Muster, sodass immer noch (oder wieder?) viel zu oft der Mann derjenige sein muss, der den ersten Schritt geht, derjenige, der all die Kohle macht, derjenige, von dem alles Sexuelle ausgehen muss und derjenige, der der Dominante und Aktive ist, während Frau Herd und Kind hütet, sich im Bett totstellt und ab und an noch einen Orgasmus vorgaukelt. Als hätten all die Frauen- und Emanzipationsbewegungen der letzten 50 Jahre nie stattgefunden. Nur mit dem Unterschied, dass heutzutage beide zwangsweise arbeiten müssen, um wirtschaftlich über die Runden zu kommen.
Das Traurige ist, dass alles so anders sein könnte. Das setzt aber neben den Möglichkeiten zur Entscheidung auch voraus, dass die Menschen einmal über ihre Rollenverständnisse nachdenken und sich umentscheiden oder es zumindest probieren. Beides ist in diesem Land und dieser Gesellschaft meiner Erfahrung nach nicht drin. Ich hatte es versucht und bin dafür bitterböse bestraft worden. War es die Sache wert? Im Endeffekt leider nein.