„Wir müssten eigentlich auch Masken tragen.“ Für ein paar Herzschläge hielt er mit dem Rudern inne und das Boot trieb geräuschlos mit der kaum wahrnehmbaren Flussströmung dahin.
„Ja, genau. Soll uns doch einer vom Ordnungsamt anquatschen.“ Ihr kurzes Lachen troff vor Verachtung. „Dann hab ich meine Maske im Wasser verloren. Und du deine auch.“
Er kicherte und ließ die Ruder wieder ins Wasser tauchen. Eine Weile saßen sie schweigend da. Die Nachmittagssonne bedachte sie mit etwas zu viel Wärme. Ein leichter Schweißfilm bildete sich auf seiner Stirn. Er blinzelte.
Doch sie hatte das Thema noch nicht von der Leine gelassen. „Social Distancing. Was’n Quatsch. Wer das wieder erfunden hat.“
Ich glaube, das gibt‘ schon lange. Wollte er sagen, doch stattdessen blickte er auf ihre Vans, während sich sein Oberkörper gleichmäßig vor und zurück bewegte.
Sie beugte sich zur Seite und ließ die Finger gerade so weit Wasseroberfläche berühren, dass ein leises Plätschern zu hören war.
Nach einer Weile richtete sie sich wieder auf. „Ich hab Hunger.“
„Wir sind sowieso gleich da.“ Er bremste die Fahrt ab.
„Eins weiter. Leg eins weiter an.“
„Wieso?“ Er blickte über seine Schulter zur Anlegestelle.
Sie deute mit dem Kinn zum Ufer. „Da sitzt ein Penner oder sowas.“
„Ach so.“
Er ließ das Boot bis zum nächsten freien Platz treiben. Sie stieg zuerst aus.
Er wartete einen Moment. „Geh ein paar Schritte vor. Damit keiner meckert. Social Distancing.“
Sie grinste wissend.
Sie wussten es, oder?
Sie wussten es von Anfang an!
Sie elender Verräter!
Sie wussten um die Fallen, um die Mechanismen, die Möglichkeiten jene zu deaktivieren, einfach alles!
Und jetzt denken Sie, dass Sie hier einfach so rausspazieren können, als ob nichts wäre?
Sagen Sie mal, für wie blöd halten Sie mich eigentlich?
Nein Freundchen, niemand verarscht Don-Carlo und kommt ungeschoren davon, nicht so!
Mit diesen Worten zog er seine Waffe, triggerte den Hahn und schoss...
Kurze Zeit später nahm er die Truhe mit dem Gold und ging davon...
"Oh du Schatz, endlich habe ich dich. Komm in meine Arme und sorge dafür, das ich endlich mich verteidigen kann", so waren meine Gedanken, als ich in einem Antiquitätengeschäft dieses tolle Krummschwert gefunden habe. Ich war lange auf der Suche, es sollte kein Schwert kein normales sein, sondern ein persisches. Es sollte so verziert werden, wie ich es in vielen Sachbüchern gefunden und bewundert habe. Stolz bezahlte ich den Preis, das war endlich der Wunsch, den ich mir so lange erfüllen konnte.
Ich war Sammler von Beruf und alles, was mit Persien zu tun hatte, wollte ich haben. Ich habe damals viele Märchen gelesen und viele Bilder bewundert. Als ich mir meinen Beruf aussuchen musste oder wollte, habe ich mich auf Geschichte und auf das Land Persien konzentriert. Nach meinen Studium schaffte ich es, eine Stelle in einem Museum zu bekommen, das auch die Nahostländer geschichtlich dar stellten. Hier fühlte ich mich wohl und meine Aufgabe war eigentlich fantastisch, Dinge finden, die dann ins Museum kamen.
In diesem Laden fand ich öfters solche Schmuckstücke, wie eben auch dieses Schwert. Der Eigentümer hat mich sofort angerufen, als er diese Lieferung bekam. Er wusste genau, dass mich so etwas auf jeden Fall interessieren würde. Sobald ich die Arbeit das zu lies, war ich in diesem Geschäft und kaufte dieses Krummschwert ein.
Allerdings war es nicht für das Museum bestimmt, sondern für mich ... es kam bei mir in die Wohnung zu meinen anderen Schwertern, die ich schon dort an der Wand hatte. Meiner Sammlung!
Was ich nicht wusste, war, dass dieses Schwert nicht ganz sauber war ...
Ich hatte einen anstrengenden Tag hinter mir, Feilschen, Anrufen, Angebote erstellen, und und und...
Eigentlich hatte ich so gar keine Lust, etwas zu kochen, aber weil mein Schatz mich so ansah, so voller Vorfreude und Hoffnung, dass ich es trotzdem noch tun würde, wie konnte ich da nein sagen?
Es kam, wie es kommen musste, mit einem einfachen Kochen war es nicht getan, auch sie war müde, aber, und das ist auch der Grund, weshalb ich sie so sehr liebe, mit ein paar einfachen Mitteln war der Trübsal verflogen, ein bisschen necken hier, ein wenig kitzeln da, schon konnte man nicht anders, als zu Lachen.
Wo nahm sie bloß soviel Energie her?
Ihr Job an der Schule war ja nicht gerade ein Zuckerschlecken. Aber die Schüler liebten sie, gleichenfalls taten es auch die Kollegen.
Wir teilten uns die Aufgaben auf, sie übernahm das Fleisch und die Sauce und ich machte die Nudeln und den Salat.
Knapp eine halbe Stunde später war alles angerichtet.
Menschenkind, wo ist denn die Zeit abgeblieben?
Kaum aufgegessen, packten wir die Sachen in die Spülmaschine, natürlich auch hier nicht ohne ihre gute Laune und die heitere Stimmung, die nicht verging, machten wir es uns auf dem Sofa gemütlich, öffneten eine Flasche Wein und ließen den Abend mit einem Netflixfilm ausklingen.
Hallo, hier nun ein Beitrag zum Thema 'Älteres Kind stillen'
Ich hoffe, ich sprenge nicht das Format.
Es war in diesen Tagen, an denen ich erneut ein Kind erwartete.
„Ja, schon wieder!“, stöhnte eine Stimme in mich hinein, die nach Bedauern-, nach Mitleid suchte. Ich war fest entschlossen, nicht auf diese Stimme zu reagieren, doch ehe ich mich versah, entfuhr mir ein leidiger Seufzer.
‚Verräter!’, ärgerte ich mich über meine Schwäche.
Vor bereits fünf Jahren war ich schon einmal schwanger gewesen. Philip, mein Sohn, ist ein aufgewecktes Kind, voller Neugier. Ich bin so stolz auf ihn!
Es war wohl in der vergangenen Woche, als ich in Gedanken versunken im Schlafzimmer vor dem großen Spiegel der Frisierkommode stand. Ich drehte mich vor dem Spiegel von Rechts nach Links, sah mir prüfend meinen beachtlichen Bauch an. Etwas missfiel mir daran: Ich fühlte mich aufgebläht und dick! Nach Mitleid suchend strich meine Hand über das Zentrum meines Kummers.
„Fett!“, stand für mich fest. „Und dann dazu diese Riesen-Dinger!“, nörgelte ich leise vor mich hin.
Nur zur Bestätigung dessen, was ich gerade festgestellt hatte, strich ich mit der Hand über meine Brust.
Ich war wohl nicht vorsichtig genug, denn ich erschrak, als plötzlich Milch aus der Warze austrat und Tröpfchen an meinen Fingern haften blieben. Voller Neugier drückte ich meine Angeber-Titte erneut: ‚Tatsächlich, Milch!’
Mir war die ganze Zeit nicht bewusst gewesen, dass die Tür zum Schlafzimmer einen Spalt weit offen stand und nun mein lieber Junge, Philip, ganz aufgeregt beobachte, wie ich nackt vor dem Spiegel stand, Milch aus meiner Brust drückte und mir anschließend genüsslich die Finger ableckte.
Ich war so in Gedanken versunken, dass ich nicht bemerkte, wie er ins Zimmer eintrat.
„Mama, bekomme ich auch etwas von der Milch?“, bettelte Philip so flehendlich, wie er nur konnte.
Erschreckt jauchzte ich auf und bedeckte mich beiden Händen. Verwirrt sah ich ihn an.
‚Woher wusste er…?’, doch erklärte ein Blick zur offenen Zimmertür alles: Er hatte alles gesehen!
Liebevoll lächelnd strich ich Philip mit der Hand über den Kopf.
„Aber ja, natürlich darfst Du auch von der Milch trinken.“
Aufgeregt sah mich der Junge voller Vorfreude an, während ich für ihn auf die Knie ging.
Ohne ein weiteres Wort bot ich ihm meine Brust dar und er nahm sie stürmisch an.
Ich weiß nicht, wie ich so schnell vergessen konnte, wie es sich anfühlt, wenn ein Kind an der Mutterbrust säugt? Dabei ist es doch gerade erst vier Jahre her. Wie kann das sein?
Voller Genuss und innerer Erfüllung schloss ich meine Augen. Es tat so gut, wie mein Junge an meiner Brust säugte und gab mir eine Art von inneren Frieden, den ich schon lange nicht mehr verspürt hatte.
So schloss ich meine Augen und strich ihm zärtlich mit der Hand über seinen Kopf.
Mit einem Mal hörte er zu trinken auf.
„Danke, Mama. Darf ich morgen wieder von Deiner Milch haben?“, fragte mich mein Junge mit glockenheller Stimme.
Erstaunt über seinen Wunsch sah ich ihn an.
„Aber natürlich darfst Du, mein Schatz. Bis Dein Geschwisterchen geboren wird, darfst Du jeden Tag bei mir Milch trinken.“
Es war mal wieder Freitag, unser Stammtisch Tag und, wie es sich so gehörte, waren Bier und Poker nicht weg zu denken.
"Hey Harald, weißt du schon das neuste, über die Stirme?" fragte mich mein Kollege, Anton.
" Nein, keine Ahnung, was meinste?"
"Na, bei denen ist eingebrochen worden, die Ingrid ist ja eine bekannte Tratschtante, erzählte es meiner Frau, gestern, angeblich wäre Schmuck geklaut worden, hatte einen Wert von locker 170.000 Zacken..."
Anerkennend pfiff ich durch die Zähne, "Holla, die Waldfee... Und jetzt?"
Anton lachte...
"Tja, die Ingrid hat ja ein plappermaul..."
"Anton, komm zum Punkt!"
"Ja, also, was wäre, wenn wir die ein bisschen erleichtern? Kohle genug haben die, ein paar Scheine mehr oder weniger machen den Braten auch nicht fetter ", meinte Anton und entblößte eine Reihe gelbe, kaputte Zähne.
" Der Birgit muss ich die Rechnungen auch noch bezahlen, ein paar Euro mehr tun meiner Tasche auch nicht weh. "
" Schnapsidee, Anton, wenn die zu den Bullen rennen, also ich hab keine Lust, mein restliches Leben hinter schwedischen Gardinen zu verbringen. "
Wütend schnaubte Anton auf, und verließ das Lokal, nicht ehe er mir zu rief, ich sei ein elender Feigling, der keine Eier in der Hose hätte.
Ich betreibe mal extreme Thread-Nekromantie. *hexhexh* Ich fänd's cool, wenn das hier wieder in Gang kommen würde. Versuche ich später auch mit den Gedichten.
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Stürmische Herzen
Über ihnen hing das Antlitz Jupiters gewaltig und still vor der samtschwarzen Dunkelheit des Weltraums. Fast zeitgleich mit der fernen Sonne kam Juno Station über dem Horizont des Gasriesen in Sicht. Nari schob die Kappe auf ihrem Wust kurzer aschblonder Haare zurück und kniff die Augen zusammen. Beinahe hätte sie den winzigen, schimmernden Punkt übersehen, doch als sie sicher war, drehte sich sie um und turnte auf Backbord zum Heck der Schwalbe. Ohne anzuhalten trommelte sie zweimal mit der Faust gegen die Luke, als sie Olos Kabine passierte. „Juno voraus!“ Mit ein paar leichtfüßigen Hüpfern erreichte sie den Heckkorb und hielt sich mit einer Hand am Gitter fest, während sie die Kurbel ausklappte und damit begann, die Steuerruder für den Anflug auszustellen.
Onkel Olos Luke öffnete sich und sein zerknittertes Gesicht unter der schmutzigen grauen Wollmütze schob sich ins Freie. Sein Schnurrbart wackelte. „Jäch! Dreckloch. Wünschte müsst’n nich‘ hin.“
Nari grinste. „Weiß ich, hast du gesagt. So ein oder zweihundertmal.“ Die Segel hakten ein und sie arretierte die Kurbel. „Bleibt uns aber nichts anderes übrig.“
Einen Stundenschlag später dominierte die glänzende Spindel von Juno Station den Sternenhimmel selbst vor der imposanten Kulisse des Planeten. Die gerefften Segel murmelten kaum hörbar im warmen Ätherwind, Olos leises Fluchen bei der Arbeit am Motor bildete eine wohl vertraute Geräuschkulisse. Nari stand am Bug, die Hände auf die Reling gestützt. Olo hatte kein gutes Wort für die großen Stationen jenseits des Gürtels übrig, aber sie sog den Anblick auf wie ein Schwamm das Wasser.
Dutzende, nein, hunderte von Schiffen ankerte an den Ebenen der Station. Sie erspähte emsige kleine Kutter wie ihre Schwalbe, eindrucksvolle und bis an die Zähne bewaffnete Fregatten von Mars und Venus, schnittige Ätherjammer des Forscherchors der Erde und ganz oben die prächtigen Jachten des Adels von überall aus dem Sonnensystem. Bauchige Lastkähne versorgten die Station mit einem stetigen Strom von Lebensmitteln und Wasser aus den Ozeanen von Europa. Halb verdeckt von Junos kugelförmigem Zentrum konnte sie sogar das Heck eines Lichtwellenseglers ausmachen. Auf allen Ebenen der Station herrschte ein ständiges Anlegen und Ablegen, und die Leuchttürme und Bojen an den Pieren der außenliegenden Hafenbezirke funkelten wie Eiskristalle.
Von der Aussicht derart in den Bann geschlagen, bemerkte Nari den Schatten zunächst nicht, der das orangefarbene Schimmern des Gasriesen plötzlich verdeckte. Als sie aus dem Augenwinkel eine Bewegung in unmittelbarer Nähe bemerkte, sah sie auf und der Schreck fuhr ihr mit Wucht in die Magengrube. Der mächtige Rumpf eines Klippers, dunkel und kraftvoll, zog in wenigen Metern Entfernung an der Schwalbe vorbei, die daneben wie ein Spielzeugboot wirkte. Sie konnte die Maserung des Holzes so deutlich erkennen wie die des Decks unter ihren Füßen. Das Hauptsegel rauschte noch im Ätherstrom, die Flagge der britischen Marine flatterte an der Spitze des Mastes. Ein paar junge Matrosen lehnten oben an der Reling und feixten. Ein kräftiger Bursche mit krausem Haar, die Hände in die Hüften gestemmt, schob seinen Unterleib ein paarmal auf obszöne Weise in ihre Richtung.
„Hey, ihr Vollidioten!“ Mit hochrotem Gesicht reckte Nari dem ungleich größeren Schiff die Faust entgegen. „Glocke!“ Sie kochte vor Zorn, als die Kerle ihr nur zuwinkten und grinsten, widerstand aber dem Impuls, ans Ruder zu stürzen und den Abstand zu vergrößern. Der Klipper kam viel zu dicht auf, aber es würde nicht zur Kollision kommen, so viel konnte sie sehen. Trotzdem - passierende Schiffe waren zu Warnsignalen verpflichtet, es gab Mindestabstände, die einzuhalten waren. Damit spielte man nicht. Eine unglücklicher Zusammenprall konnte ein kleines Boot wie ihres vom Kurs abbringen, im schlimmsten Fall sogar aus dem Ätherstrom schubsen.
Plötzlich drehten sich die Matrosen um, hektisch darauf bedacht, Haltung anzunehmen. Ein junger Mann in der Uniform eines Offiziers trat ihnen entgegen. Vermutlich nicht mehr als ein Unteroffizier, dachte Nari, kaum älter als sie selbst. Sie kannte sich mit den Rangabzeichen der verschiedenen Streitkräfte nicht aus, konnte aber die blitzblanken Messingknöpfe an seiner dunkelblauen Jacke ausmachen. Der Offizier herrschte die Matrosen an, die daraufhin auseinanderstoben und sich auf unterschiedlichste Aufgaben stürzten. Einer von ihnen sprang zur Glocke und holte viel zu spät das vorgeschriebene Signal nach. Der junge Offizier trat an die Reling, nahm seinen Hut ab und verbeugte sich in einer Geste der Entschuldigung in ihre Richtung. Nari sah nur noch, dass er dunkles Haar und dunkle Augen hatte, dann zog der Klipper an ihnen vorbei und steuerte die Station an.
Mit immer noch finsterer Miene hisste Nari die Ankerflagge und stelle sich dann ans Ruder, während sie die Lotsen im Auge behielt. Als ein kühler Luftzug sie erschauern ließ, zog sie die feste Leinenjacke enger um ihre Schultern. Auf der kurzen Strecke vom großen Ätherstrom zur Station, während nur der Motor sie voran trieb, biss die Kälte des Weltraums deutlich spürbarer zu. Während sie Ausschau nach dem Signal hielt, das ihnen die Erlaubnis zum Anlegen signalisieren würde, hörte sie hinter sich eine Luke klappern, gefolgt von einem eigenartigen Summen. Plötzlich schwebte neben ihr etwas in der Luft, dass wie ein faustgroßer, herzförmiger Aquamarin aussah.
Nari zischte. „Kekoo! Was hab ich dir gesagt! Ab unter Deck!“
Das kristallene Herz drehte sich einmal um die eigene Achse und stieß ein Summen aus, dass tatsächlich eine gewisse Empörung zum Ausdruck brache.
Nari presste die Lippen zusammen und warf einen schnellen Blick über ihre Schulter. Olo hantierte immer noch mit ölverschmierten Händen am störrischen Heckmotor herum. Sie seufzte und öffnete ihre Jacke. „Na, hopp. Aber still, verstanden?“
Der schwebende Kristall neigte sich ein paar Mal vor und zurück, beinahe wie ein menschliches Nicken, dann flitzte er in einem eleganten Bogen einmal um sie herum und verschwand im Ausschnitt ihres Wollhemdes.
Nari zog die Schnüre zusammen und rückte ihre Jacke wieder zurecht. Kekoos vertraute Glätte drückte sich warm gegen die Haut zwischen ihren Brüsten. „Ich will nichts hören! Und du lässt dich auch nicht blicken!“ Die Antwort bestand aus einem kurzen, verschwörerischen Summen. Sie sah abermals zu Olo hinüber. Unregistrierte exotische Lebensformen waren auf der Station verboten, sie durfte Kekoo eigentlich nicht mitnehmen. Aber sie verstand, dass er auch mal etwas anderes sehen wollte als den begrenzten Lebensraum der Schwalbe. Ihr ging es nicht anders. Seit sie ihn im Asteroidengürtel aufgelesen hatte, war er ihr einziger Freund. Onkel Olo war nun mal ihr Onkel und einen Onkel konnte man doch schlecht als Freund bezeichnen.
Als sie ihre Aufmerksamkeit wieder der Station zuwandte, bemerkte sie, dass einer der Lotsen in der Nähe bereits das Landesignal gab.
Sie fuhr herum. „Onkel! Wir sind dran!“
Olo hob den Daumen, der Motor stotterte und spuckte, gab ihnen aber genug Schub, um zum Pier zu manövrieren. Nari sprang ans Steuer, ein paar Minuten später legten sie an der zugewiesenen Stelle an. Der Gehilfe des Lotsen warf ihnen die Seile zu und Olo machte sich daran, die Schwalbe zu vertäuen.
„Eingeschlafen oder was?“ Der Lotse, ein stämmiger Typ mit einem Bart wie ein Baumschwamm von der Venus, legte die Hände auf die Reling.
„‚tschuldigung!“ Sie lächelte und drückte ihm einen Stapel Münzen in die Hand. „Tagesticket, bitte.“ Den Beleg, den sie bekam, klemmte sie am Steuerrad fest.
Als der Lotse und sein Gehilfe zur nächsten Anlegestelle geschlendert waren, wandte sich Olo an Nari. „Ich stock auf, du kaufst Zeuch.“
Nari nahm ihre Umhängetasche und verstaute darin, was er ihr gab - einen schweren Geldbeutel und ein weiches Tuch, in das etwas eingewickelt war. „Laststeine?“ Sie versuchte, die Aufregung in ihrer Stimme nicht durchklingen zu lassen.
Olo grunzte. „Ja, guck mal. Besser zwei.“
Sie nickte, sprang auf den Pier und steuerte mit ausholenden Schritten und einem Grinsen so breit wie der Rand ihrer Mütze auf die Innenstadt zu.
Nach Wochen in den engen Räumlichkeiten der Schwalbe, nur mit Kekoo und Olo als Gesellschaft, überwältigten mit einem Mal zahllose Eindrücken ihr Sinne. Rufe, Wergzeugklappern, Pfiffe und das Hämmern der Dampfschmieden vermischten sich zu einem irritierenden Klangteppich. Zahllose Gerüche wechselten sich in ihrer Nase ab, Dieselqualm, frisch bearbeitetes Holz, Teerfässer, dazwischen menschliche und nichtmenschliche Ausdünstungen aller Art, und obwohl sie noch nicht mal die Außenbezirke erreicht hatte, konnte sie schon den Duft von Essen wahrnehmen, das Straßenhändler in vielfältigen köstlichen Variationen anboten. Ihr Magen knurrte, das Wasser lief ihr jetzt schon im Mund zusammen.
Kekoo rutschte unter ihrem Hemd herum. Er hatte nichts, dass man ein Auge hätte nennen können, aber sie wusste, dass er irgendwie alles sehen konnte, selbst versteckt unter Hemd und Jacke. „Schön ruhig, sonst nehm‘ ich dich nicht mehr mit“, flüsterte sie. Kekoo vibrierte kurz und schob sich dann wieder oben zwischen ihre Brüste, was ein leichtes Kitzeln in ihrem Bauch verursachte. Ein Dockarbeiter, der sich mit einer Rolle silbriger Netztaue auf dem Rücken abmühte, sah sie verwundert an. Sie schenkte ihm ein zuckersüßes Lächeln und eilte weiter.
Nari wich großen Lastkarren auf, die Wasser und Nahrung zu den Schiffen brachten, hüpfte vor Kurierfahrern und Dampfrollern über Verkehrswege und eilte zu einem der vielen Aufzüge, welche die Ebenen der Station miteinander verbanden. Eine der Plattformen ruckte und machte sich gerade auf den Weg nach oben. Im letzten Moment sprang sie auf und hielt sich an dem dicken Tau fest, das als Geländer diente. Ungefähr zwei Dutzend Passagier drängten sich hier zusammen, der Aufzugführer hatte von ihrem Manöver zum Glück nichts mitbekommen. Während die Plattform des Aufzugs gemächlich in die Höhe ruckelte, genoss Nari die Aussicht auf das Gewimmel von Lebewesen und Fahrzeugen unter sich. Bereits an der nächsten Haltestelle stieg sie wieder aus. Sie blieb stehen und sah sich um.
Makler gingen überall zwischen den Passanten und Handelswilligen herum, hielten Tafeln in die Höhe oder brüllten ihre Angebote einfach in die Menge. Auf den in regelmäßigen Abständen aufgestellten Podesten boten die Vertreter der Auktionshäuser ihre Waren feil. Daran hatte sie wenig Interesse. Der Laderaum der Schwalbe konnte nicht viel fassen, deshalb machte es keinen Sinn, das Zeug in den Handelsbezirk zu transportieren. Olo würde in der Zwischenzeit ihre Ladung an einen der Mittelsmänner an den Anlegestellen verkaufen, der dann auch gleich das Abladen veranlassen würde.
Nari drängte sich durch die Menge und erreichte den inneren Rand. Hier führten Speichenpassagen in die inneren Bereiche der Spindel und hier fanden sich auch die Stände der Straßenküchen. Ihr Magen hüpfte. Nach kurzem Feilschen erstand sie von einer hageren alten Frau mit Knollennase und mütterlichen Lächeln eine große Schüssel Nudelsuppe. Sie hockte sich in der Nähe des Standes auf ein Fass und bemühte sich, ihre Mahlzeit nicht zu hastig hinunterzuschlingen. Noch während sie aß, schlich sich ein weiterer Duft in ihre Nase, dessen Köstlichkeit sie nahezu magnetisch anzog. Nachdem sie den letzten Tropen der Suppe hatte auf ihre Zunge rinnen lassen, reichte sie der alten Frau die Schüssel mit einer Verbeugung zurück, dann machte sie sich auf die Suche nach dem Ursprung der Verführung.
Einige Stände weiter wurde sie fündig. Sie betrachtete das, was der Koch auf langen Spießen über glühenden Gittern röstete. Obwohl sie gerade erst gegessen hatte, schlugen ihre Geschmacksknospen vor lauter Vorfreude Saltos. „Ähm, was ist denn das?“
Der Koch grinste über der fleckige Schürze, die sich vor seinem Wanst spannte. Über den Grillgittern drehten sich längliche, knotige Dinge, sonnengelb und teilweise gebräunt von der Hitze, dabei tropfend vor Fett, dass der Koch immer wieder nachgoss. „Das ist Mais. Von der Erde.“
Sie musste schlucken. „Was kostet das?“
Er nannte ihr den Preis und sie verzog das Gesicht. Trotzdem opferte sie ein paar Münzen ihres sauer verdienten Taschengelds und nahm eins von den Maisdingern in einem Stück Reispapier entgegen.
„Warte.“ Der Koch nahm mit einer kleinen Kelle etwas geschmolzenes Fett aus einem Kessel und träufelte es über ihren Mais. „Das ist Butter. Echte. Jetzt musst das das abknabbern. Guck, so.“ Er zeigte es ihr an einem anderen Stück, dass neben seinem Hocker auf einem Holzteller lag.
Als Nari die ersten Knubbel mit ihren Zähnen abgeknabbert hatte und langsam und bedächtig kaute, bekam sie weiche Knie.
Der Koch grinste. „Gut?“
Mehr als ein entrücktes Nicken konnte sie nicht als Antwort geben.
„Ich bin noch bis zur sechsten Glocke da“, kommentierte er ihre Glückseligkeit mit einem Zwinkern und wandte sich dem nächsten Kunden zu, den offensichtlich Naris Begeisterung neugierig gemacht hatte. Nari war froh, noch ein Öltuch in der Tasche zu haben, mit der sie sich die fettigen Hände und den Mund abwischen konnte. Schweren Herzens verabschiedete sie sich vom Paradies der Köstlichkeiten. Die Pflicht rief.
Breite Gassen führten in die inneren Bezirke, wo die festen Läden die Möglichkeit boten, Ersatzteile, Luxusartikel und andere Waren zu erstehen. Wie auch der Rest der Station bestanden Wände und Böden der Gassen größtenteils aus Holz von den endlosen unterirdischen Pilzfarmen der Venus und aus Metallen aus dem Asteroidengürtel. So klangen Naris Schritte mal dumpf, mal hart, als sie zwischen den anderen Passanten hindurch tiefer ins Innere der Station navigierte.
Die konzentrischen Ringe der Kernbezirke boten den Händlern mehr als genug Fläche für ihre unterschiedlichen Angebote. Nari bog einfach nach links ab und spazierte durch die Menge der Lebewesen, bis sie auf einem Schild das Zeichen erspähte, nach dem sie suchte: Ein Trapez mit einem Kreis im Inneren. Sie zog die schwere Tür auf und trat ein.
Der Laden war nicht groß, zwei Laternen spendeten genug Licht. Eine breite Theke teilte den Raum in zwei Hälften, dahinter verdeckten hohe Schränke mit Schubladen die Wände. Ein Durchgang führte in ein Hinterzimmer. Auf einem Stuhl in der Ecke döste ein breitschultriger Kerl, offenbar eine Wache, und Nari bezweifelte nicht, dass ihm keine ihrer Bewegungen entging.
Hinter der Ladentheke erhob sich eine schmale, hochgewachsene Gestalt. Eine Robe aus schimmerndem Material ließ nur einen blassen, haarlosen Kopf und schlanke Hände frei. Der Neptunier sah sie aus pupillenlosen Augen an.
Nari verbeugte sich kurz. „Bitte, kleine Laststeine. Zwei.“
Der Händler neigte den Kopf, schlurfte ins Dämmerlicht des Hinterzimmers und kehrte mit zwei kleinen, einfachen Holzschatullen zurück, die er ihr zur Begutachtung hinschob. Sie öffnete beide Kästchen und betrachtete den Inhalt. In jedem lag ein dunkelgrauer, leicht durchsichtig wirkender Stein, annähernd quaderförmig geschliffen, in kristallklare Ummantelung eingegossen und so klein, dass sie mühelos in ihre Faust passen würden. Sie nickte zustimmend und zog den Geldbeutel aus ihrer Tasche, den Onkel Olo ihr gegeben hatte.
Der Neptunier öffnete den Beutel und sah hinein. Er wiegte den Kopf hin und her und hielt dann einen Finger hoch.
Nari runzelte die Stirn. „Nein. Ich brauche zwei.“
Der Händler zuckte die Achseln in einer sehr menschlich wirkenden Geste und zog die Schatullen wieder zu sich heran.
Aber Nari hatte noch einen Trumpf im Ärmel. „Tja, hm.“ Sie zog eine Augenbraue hoch und sah den Neptunier betont abwägend an. Als würde es sie große Überwindung kosten, öffnete sie erneut ihre Tasche, holte das zusammengelegte Tuch heraus und faltete es auf der Theke vorsichtig auseinander. Darin lagen zwei fingerlange Kristallsplitter, blau und silbrig schimmernd im Licht der Laterne. Sie nahm einen davon und hielt sie dem Neptunier hin. Die schwarzen Augen des Händlers wurden für einen Moment größer. Behutsam beugte er sich darüber und betrachtete das Fragment eingehend von allen Seiten. Schließlich richtete er sich wieder, warf Nari einen ebenso abwägenden Blick zu und schob ihr dann wieder eine der Schatullen zu.
Sie hob zwei Finger. „Ich will zwei.“
Er zeigte auf den zweiten Kristall.
„Nein.“ Nari zeigte mit beiden Zeigefingern auf die Schatullen, dann hielt sie ihm einen Kristall hin.
Der Neptunier legte die Hände auf die Theke und schüttelte den Kopf.
Sie ließ die Schultern sacken und seufzte schwer. Dann machte sie sich mit sorgenvollem Gesicht daran, ihre Tauschangebote wieder einzupacken, und hoffte, dass sie nicht zu dick auftrug.
Der Händler hob eine Hand, sah sie an und deutete an, zu warten. Die Finger der anderen Hand klopften ein paarmal auf die Theke, fassten dann wieder den Kristall, der daraufhin erneut einer sorgfältigen Prüfung unterzogen wurde. Schließlich rang der Neptunier sich zu einem Entschluss durch. Er schob ihr auch die zweite Schatulle zu und behielt den Kristall in der Hand.
Nari dankte ihm, packte den zweiten Kristall und die Schatullen in ihre Tasche und verließ den Laden mit einer Verbeugung. Mit Mühe schaffte sie es, ein triumphierendes Grinsen zu unterdrücken, bis sie aus der Tür auf den Kreiskorridor trat. Als sie durch die Menge Richtung Speiche ging, machte sie einen kleinen Freudenhopser. Onkel Olo würde von ihrem Erfolg beim Feilschen begeistert sein.
Ihre gute Laune verflog schlagartig, als sich ihr ein bulliger Kerl in den Weg trat. Die Arbeitskleidung der Matrosen erkannte sie sofort und ihr Herz rutschte ihr in die Magengrube.
„Schaut an, was der Ätherstrom da angespült hat.“ Das war der Bursche, der sie mit unflätigen Gesten beleidigt hatte, als das britische Marineschiff die Schwalbe passiert hatte. „Dieses süße Kätzchen hat uns doch einiges an Ärger eingebracht, Jungs, was?“ Und wieder stützte er die Hände in die Hüften. Das vernarbte Gesicht unter dem krausen Haar hatte offensichtlich schon mehr als eine Schlägerei hinter sich. Seine Kameraden standen in einer losen Gruppe um ihn herum, vermutlich waren es dieselben wie auf dem Schiff.
„Wenn ihr Ärger hattet, dann habt ihr euch den selber eingbrockt.“ Nari funkelte ihn an. „Willst du Matrose sein, dann benimm dich auch wie einer.“
Ihr Gegenüber schnalzte mit der Zunge. „Die hat Feuer im Hintern, Jungs.“ Er rieb sich das Kinn. „Ich denke, sie sollte die Scherereien irgendwie wieder gutmachen, oder? Fällt euch da was ein?“
„Lass gut sein, Dobs.“ Einer seiner Kumpane legte dem Kraushaarigen eine Hand auf die Schulter, doch er schüttelte sie ab.
„Nichts da. Wir gehen jetzt einen trinken, das Kätzchen kommt mit und wird sehr lieb zu mir sein.“
Nari schnaubte. „Träum weiter.“ Mit zwei schnellen Schritten duckte sie sich an ihm vorbei und wollte gerade losrennen, als eine kräftige Hand ihre Jacke packte. Sie riss sich los, strauchelte und stürzte zu Boden. Tränen schossen ihr in die Augen, als ihre Knie über das harte Holz rutschten.
Ein Schatten fiel über sie. Der Bursche griff ihren Arm und riss sie hoch. „Nicht doch, Kätzchen. Du kannst erst gehen, wenn ich mit dir fertig bin.“ Sein anzügliches Lächeln wirkte noch abstoßender als sein nach Rum und faulen Eiern riechender Atem. Die Passanten witterten eine Schlägerei und bildeten in ausreichend Abstand einen Kreis.
Wieder versuchte einer seiner Kameraden, auf ihn einzureden. „Dobs, wir kriegen nur noch mehr...“
Dobs blickte ihn finster an, ließ dabei Naris Arm aber nicht los. „Halt’s Maul, Dickens. Und keine Sorge, du darfst auch mal ran. Aber erst, wenn ich mit ihr fertig bin.“ Er wandte sich wieder Nari zu, dann japste er vor Schreck auf und machte einen Schritt rückwärts.
Vor dem Mädchen schwebte ein zornig summendes, kristallenes Herz in der Luft, das sich offenbar gerade aus ihrer Brust gelöst hatte. Es schien zu pulsieren.
„Ein Exot!“ Dobs schrie auf. „Ha, jetzt sitzt du richtig im Dreck, Kätzchen! Na warte, den schnapp...“.
Nari hörte nicht weiter hin, sondern warf sich flach auf den Boden. Sie wusste, was jetzt geschehen würde.
Dobs streckte die Hände nach Kekoo aus, doch der drehte sich einmal um die eigene Achse, leuchtete auf - und dann explodierte etwas. Ein Miniatursturm breitete sich aus wie eine Schockwelle und verstummte nach nur einem Herzschlag wieder, doch im Umkreis von fast zehn Schritten lagen alle Matrosen und Passanten auf dem Boden, von der Windböe mit Leichtigkeit niedergeworfen.
Nari sprang auf, sie wusste, dass sie nur wenig Zeit hatte. Mit einem schnellen Blick vergewisserte sie sich, dass alle zumindest mit dem Leben davongekommen waren. Eine Sache wollte sie sich aber doch nicht nehmen lassen. Sie holte aus und trat Dobs mit Schwung zwischen die Beine. Dann schnappte sie Kekoo aus der Luft und rannte zum Aufzug. Wieder erreichte sie die Plattform erst, als sie sich schon auf dem Weg nach unten befand, aber für die erfahrene Ätherseglerin stellte das kein Problem dar. Sie sprang und kam sicher hinter dem Haltetau zum Stehen. Wütende Schreie tönten ihr von oben nach. Dobs sah ihr hinterher und sie zeigte ihm mit einem freundlichen Lächeln den Mittelfinger.
Als sie ihn nicht mehr sehen konnte, ließ sie sich erleichtert auf die Knie sinken. Es dauerte etwas, bis ihr Atem endlich zur Ruhe gekommen war. Unterdessen sorgte sie dafür, dass ihr Habseligkeiten sicher verstaut waren. Zu gern hätte sie den Straßenküchen nochmal einen Besuch abgestattet, aber Olo würde inzwischen alle Geschäfte erledigt haben und außerdem hatte sie keine Lust auf eine weitere unangenehme Begegnung wie der, der sie gerade entkommen war. Unten angekommen, machte sie sich also sofort auf den Weg zur Schwalbe.
Sie konnte die Schwalbe schon sehen, als ihr Glück sie abermals im Stich ließ.
„Da ist sie!“ Als sie herumfuhr, um zu sehen, aus welcher Richtung die Stimme gekommen war, wurde ihr auch schon der Fehler bewusst, den sie begangen hatte. Marineangehörige hatten eigene Fahrstühle, kleiner, leichter - und schneller. „Haltet sie! Schmugglerin!“
Nari hob abwehrend die Hände und ging langsam rückwärts. Hafenarbeiter und Lotsen richteten ihre Aufmerksamkeit auf die Matrosen und das Mädchen mit der Tasche. Diesmal würde sie nicht so leicht entkommen können.
Dobs stapfte auf sie zu. „Jetzt sitzt du in der Falle!“
Nari geriet in Panik. Was sollte sie tun? Wenn sie Kekoo bei ihr fanden, würde die Strafe so hoch ausfallen, dass sie die Schwalbe würden verkaufen müssen. Olo würde das nicht überleben.
Dobs machte Anstalten, sie zu packen.
„Mister Dobson!“ Eine Stimme schnitt durch den Lärm wie die Klinge eines Entermessers und augenblicklich kehrte Ruhe ein. Der junge Offizier, der die Bande schon auf dem Schiff zurechtgewiesen hatte, kam ohne Hast den Pier entlang auf die Gruppe zu. Er trug seine Uniform, den Hut hatte er unter den rechten Arm geklemmt. Die Matrosen standen augenblicklich stramm. „Mister Dobson. Ich sehe, Sie sind abermals in einen kleinen Aufruhr verwickelt.“
Dobson salutierte, das Gesicht rot vor Wut und Aufregung. „Mister Perkins, Sir, ich habe etwas Wichtiges zu melden.“
Perkins blieb vor Nari und den Matrosen stehen, sah von einem zum anderen und dann wieder zu Dobson. „Und das wäre?“
„Sir, diese Person hat einen Exoten auf die Station geschmuggelt!“ Er zeigte auf Nari.
Perkins wandte sich ihr zu. Aus dieser Nähe konnte sie erkennen, dass seine Augen in dem scharfgeschnittenen Gesicht so dunkelbraun waren wie sein Haar. Ein sonderbares Kribbeln machte sich in ihrer Magengegend breit.
Der Offizier hob eine Augenbraue und deutete ihr gegenüber eine kurze Verbeugung an. „Ist das war, Madam?“
Nari widerstand dem merkwürdigen Impuls zu lachen. Das war zu komisch – noch nie hatte sie jemand „Madam“ genannt. Aber irgendwie mochte sie es. Sie sah ihn mit einem Kopfschütteln aus Augen an, die vor lauter Unschuld schier überzuquellen schienen. „Aber nein! Wo sollte ich so etwas auch herhaben?“
Perkins verbeugte sich abermals, setze seinen Hut auf und klatschte in die Hände. „Dann wäre der Fall wohl geklärt, Gentlemen. Zeit, wieder an Bord zu gehen.“ Die Matrosen salutierten.
Doch Dobson gab noch nicht auf. Mit einem wütenden Ausruf sprang er auf Nari zu, die gar keine Zeit fand zu reagieren. Er packte gleichzeitig ihre Jacke und ihr Hemd mit festem Griff und riss sie auf. Schnüre flogen in alle Richtungen, die Tasche fiel ihr aus den Händen. Mit offenem Mund stand sie da, wie vom Donner gerührt. Jedermann konnte ihre entblößten Brüste sehen.
Die Männer gafften. Jemand pfiff. Dobson mache Anstalten nach ihr zu greifen. „Es war hier irgendwo“, knurrte er.
„Mister Dobson!“ Diesmal klang Perkins‘ Stimme wie eine Peitsche. „Wie können Sie es wagen!“
„Aber Sir, ich...“ Weiter kam er nicht. Ein lautes Klatschen ertönte. Ein paar der Männer lachten. Nari zog sich mit einer Hand ihre Kleidung zu, die andere schmerzte noch zu sehr von der Backpfeife, die sie Dobson gerade verpasst hatte. „Mister Dobson.“ Perkins baute sich vor ihm auf. „Ihre Kameraden sind sehr erfreut darüber, dass Sie sich soeben freiwillig für den Latrinendienst gemeldet haben, bis wir den Saturn erreichen.“
Dobson stöhnte auf. „Aber Sir, bis zum Saturn?“
„Der Quartiermeister wird eine Zahnbürste übrig haben, die er Ihnen für den Dienst zur Verfügung stellt. Und jetzt wegtreten. Noch vor dem nächsten Stundenschlag sind Sie wieder auf dem Schiff.“ Mit hängenden Schultern folge Dobson seinen Kameraden auf dem Weg zu den britischen Docks.
„Madam, ich bitte vielmals um Entschuldigung.“ Perkins bückte sich, hob Naris Tasche und reichte sie ihr, nachdem er mit der Hand etwas Schmutz abgeklopft hatte. „Ich hoffe, diese Episode lässt die Royal Navy für Sie nicht in allzu schlechtem Licht erscheinen.“ Er lächelte und sah ihr in die Augen und für einen Moment schien es so, als wollte er noch etwas sagen. Dann räusperte er sich, lupfte den Hut mit einer Verbeugung und ging davon.
Nari war sich nicht sicher, wann sie aufgehört hatte zu atmen, aber jetzt sog sie tief Luft in ihre Lungen. Die Aufmerksamkeit der Umstehenden hatte sich bereits wieder anderen Dingen zugewandt. Mit immer noch pochendem Herzen eilte sie zur Schwalbe.
Wie erwartet freute sich Olo, als sie ihm die Laststeine gab. „Zwei für einen!“
„Ich wechs‘l den ollen sofort aus.“ Mit seinem Werkzeugkasten in der einen und den Laststeinen in der anderen Hand verschwand er unter Deck.
Nari sah sich um und prüfte abermals, ob sie jemand beobachtet. Dann öffnete sie ihre Tasche und spähte hinein. „Alles gut bei dir?“ Kekoo summte leise. „Warte bis wir wieder im Strom sind, dann kannst du raus.“
Einen Stundenschlag später ließen sie Juno Station hinter sich und fädelten sich in den äußeren Ätherstrom ein. Nari schwang sich durch die Luke unter Deck, dort fand sie Olo in der Kombüse mit dem Logbuch in der Hand. Er kratze sich am Hinterkopf und studierte die Sternenkarte. „Wo soll’nmer hin? Mars?“
„Hm“. Nari blickte auf die Karte, dann auf den Kalender und wieder auf die Karte. „Guck hier.“ Sie ließ eine Fingerspitze über die Karte wandern. „Kurze Entfernung um diese Jahreszeit. Da, Yamato-Strom, Cortez-Strom, zack, keine acht Tage. Wir können in den Ringen fischen und unseren Fang auf Titan Station verkaufen.“
Olo sah auf die Karte. „Saturn, hm? Tja, warum nich‘. Warn‘wer lang nich‘ nimmer. Setz Kurs.“
Naris Herz hüpfte. Sie ging wieder an Deck zum Bug der Schwalbe. Kekoo flitzte die Reling entlang. Die Sterne funkelten. Der Ätherstrom rauschte. Konnte Jupiters Auge zwinkern? Vor ihr lagen die endlosen Weiten des Weltraums und eine Reise zum Saturn und zu seinen wunderschönen, strahlenden Ringen.