Da das Thema ja schon fast in eine Richtung schreit probiere ich mich mal ein bischen am guro
Thema: Blut
Wie findet man Anerkennung wenn man selber keine nennenswerten Begabungen hat? Diese Frage stellte sich Marcel bis vor wenigen Wochen Tag für Tag. Eigentlich war er ein einfacher Mann. Seinen Lebensunterhalt verdiente er sich als Koch in einer Kantine und er besaß ein soziales Umfeld um das ihn so Macher beneidete. Nachts jedoch kamen die Träume: die Träume von Größe, von Einzigartigkeit und Anerkennung. Also quasi von alle dem, was er im damaligen Zustand nicht erreichen konnte. Und das machte ihn psychisch fertig. Er musste ja nicht gleich einen Impfstoff gegen Aids oder eine Chemikalie gegen den Klimawandel erfinden, dazu war er Realist genug um zu erkennen, dass andere diesen Platz besser besetzen würden als er. Aber Marcel wollte Stolz auf seine Arbeit sein und wissen, dass sie etwas höherem diente. Nur leider war das mit dem Zusammenrühren von Fertigpulvern und dem Erwärmen von Pressfleisch für pöbelnde Studenten ausgeschlossen. Und als Medienhure auf RTL und Co sah er sich auch nicht. So blieb ihm nichts anders übrig als jeden Morgen seine tiefste Sehnsucht zu unterdrückten und dem gemütlichen Alltagstrott zu folgen.
Lange Zeit konnte er so weiterleben, bis er eines verhängnisvollen Abends mit einem seiner Freunde chattete.
Mojo87: gib dir mal das, voll zum wegschmeißen! Musst dir unbedingt anguggen bevor dies wieder rausnehmen xDDDDD
Mojo87:
http://www.youtube.com/watch?v=5PWdgl8&feature=search
Gelangweilt klickte Marcel auf den Linkt. Bestimmt war es nur wieder so ein dummes um getextetes Lied – sein Freund war ja nicht gerade für den besten Humor bekannt. Der Browser öffnete sich und die Seite begann sich zu laden. Anstatt der x-ten Coverversion von „durch den Monsun“ tat sich aber eine andere Szenerie auf: Ein fetter Kerl war zu sehen. Nein eher die untere, nackte Hälfte eines fetten Kerles. Das, und eine Glasflasche. Angewidert schloss Marcel das Fenster.
Gumpe68: wasn das fürn scheiß? Willste mich verarschen? Ich steh nicht auf son gayscheiß!
Mojo87: nee, guggs dir einfach bis zum schluss an is echt der hammer rofl
Gumpe68: aaaaaaalter….na jut aber wehe es lohnt sich nicht
Wieder klickte er auf den Link und wieder öffnete sich das Video. Wie erwartet setze sich der Man auf die Flasche und begann hoch und runter zu wippen. Das ging 30 Sekunden so bis es ein Kratzendens Geräusch gab. Der Mann hielt augenblicklich inne. Marcel verstand nicht, was gerade passiert war. Die Person im Video stand langsam auf…und zog sich blutverschmierte Glasscherben aus dem Arsch… und Marcel schloss das Fenster und rannte zur Toilette. Nachdem er sein Abendbrot Revue passieren ließ blockierte er erst mal Mojo87. So ein Scheiß! Die Bilder werden ihm wohl noch Wochenland im Kopf rumspuken.
Dieser makabere Scherz war es aber, der etwas in Marcel geweckt hatte. Ein Funke, der auf trockenes Heu fiel und sich bald zum tobenden Feuer entwickeln sollte. In seinem Kopf tobten die Gedanken. Vernunft kämpfte gegen die Idee, wie er seinen heißen Drang nach Anerkennung war werden lassen konnte. Tagelang rang er fieberhaft mit sich selber, aber die Vorstellung, die sich allmählich in seinem Geist formt war unwiderstehlich.
Am Mittwoch war es dann soweit. Marcel hatte sein Schicksal gefunden: er sollte also Künstler werden! Und Kunst braucht Publikum – und das findet man am besten im Internet. Er suchte sich einen gut besuchten Video-Chatroom und beobachtete das geschwätzige Treiben. Während die Fremden wild durcheinander quasselten und über die Nichtigkeiten ihres Lebens philosophierten trank er genüsslich von seinem Lieblingswhisky. Doch heute fand er durch den Alkohol keine Zerstreuung – seine Gedanken wurden eher auf eine Bahn kanalisiert und bis ins unerträgliche geschärt. Bis die halbe Flasche alle war, schaute er sich jedes Gesicht einzeln an, versuchte sie sich genau zu merken und sprach er kein einziges Wort. Doch dann brach er seine Studien ab und schrie in die Kamera:“Stellt mal alle auf Aufnahme, meine Freundin kommt gleich und wir treibens gleich!“ Die Ansage hatte ihre erwünschte Wirkung: hinter den Benutzernamen flackerten die Rec-Symbole auf. Nun war es an der Zeit mit seinem Schaffen zu beginnen. Eigentlich war es recht banal –aber schon andere Künstler hatten für ihre Werke den Zufall mit ins Spiel geholt. Marcel knöpfte langsam den linken Ärmel seines weißen Hemdes auf. Die ersten hinter ihren Monitoren konnten sich bestimmt schon nicht mehr halten. Doch anstatt der angekündigten Freundin betrat eine kalte, stählerne Rasierklinge das Bild. Und sie bahnte sich zielsicher ihren Weg zu Marcels pochenden Wehnen. Der Eintritt schmerzte etwas, aber der Alkohol und das Adrenalin verschafften ihm die geforderte Linderung. Lächelnd zog er sein blutdürstendes Werkzeug immer weiter in Richtung Oberarm – dabei immer grinsend auf die Kamera und auf die Gesichter seiner Zuschauer fixiert. Was sie sagten verstand er nicht. Es mag daran gelegen haben, das alle panisch durcheinanderredeten oder an dem ohrenbetäubenden Pochen des Blutes in seinem Kopf. Als das Raubtier sich bis unterhalb seines Ellenbogens gefressen hatte, setze der die Klinge ab. Wie ein Trophäe präsentierte er der Meute den perfekten graden Schnitt mit dem purpurnen Sturzbach, der aus ihm herausquoll und deutliche Spuren auf seinem Hemd hinterließ. Die Reaktion war überwältigend. Von der flirtenden, tratschenden Masse war nichts mehr übrig geblieben. Einige Dilettanten warn bereits gegangen, aber der Großteil blieb und zollte ihm den Respekt den er verdiente, besser noch: ein paar wahren Kenner hatten sogar noch den Aufnahmemodus an. Die bleichen und panischen Gesichter seiner Gegenüber schrien geradezu nach Zugabe. So schwang er seinen Pinsel nochmal Richtung Halsschlagader. Nicht einmal das erlösende Gefühl eines lang hinausgezögerten Orgasmus konnte es mit dem Cocktail an Endorphinen aufnehmen der sich in diesem Moment in Marcel ergoss. Beflügelt und er Sinne beraubt schwang er die Klinge nochmal. Diesmal zog sie sich mehrmals quer doch sein Gesicht. Nun war er nicht mehr ein Mensch, er war eine Skulptur, mehr noch er war ein Springbrunne der es würdig war in den Gärten Versailles zu stehen. Das schnöde Wesen des Wassers konnte es nicht mit der bestechenden Reinheit seines Blutes aufnehmen, das doch so wunderbar aus ihm herausquoll und in unnachahmlicher weise über seinen Körper verteilte und ihn scharlachrot färbte. Wie gerne hätte er sich selbst gesehen wie er da saß und verblutete. Als Prometheus die Menschen schuf, musste er dieses Bild im Hinterkopf gehabt haben. Abe seine Zeit war gekommen. Er fühlte wie die überschwängliche Freude langsam durch dumpfe Taubheit abgelöst wurde. Das Pochen in seinem Körper lies langsam nach und Friede kehrte ein. Die sich ausbreitende Kälte löscht angenehm das glühende Feuer in seinen Gedärmen und erstmals seit vielen Nächten ruhte auch sein Seele. Er musste sich keine Sorgen mehr machen ob er die Zeit überdauern würde oder nicht. Es gab da draußen genug Leute, die sich auf seinen Tod einen runterholen würden.
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